Schmetterlingsweisheit

„Ich bin überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die uns offenbar werden soll.“

Römer 8,18

Eines Tages erschien eine kleine Öffnung in einem Kokon. Ein Mann beobachtete den zukünftigen Schmetterling mehrere Stunden lang. Er sah, wie dieser kämpfte, um seinen Körper durch jenes winzige Loch zu zwängen, um endlich frei zu sein. Dann schien er nicht mehr weiter zu kommen. Ja, es sah wirklich so aus, als ob er gerade so weit gekommen war, wie es ihm mit viel Anstrengung möglich war. Aber jetzt konnte er es aus eigener Kraft absolut nicht mehr schaffen.

So beschloss der Mann, ihm zu helfen: er nahm eine Schere und machte den Kokon ganz vorsichtig auf. Der Schmetterling kam dadurch sehr leicht heraus. Aber er war so winzig, hatte einen verkrüppelten Körper und verschrumpelte Flügel. Na gut, wie frisch geboren sah er eben aus.

Der Mann beobachtete das Geschehen weiter, weil er erwartete, dass die Flügel sich jeden Moment öffnen, vergrößern und sich ausdehnen würden, um den Körper des Schmetterlings zu stützen und ihm Spannkraft zu verleihen.

Aber nichts davon geschah! Stattdessen verbrachte der Schmetterling den Rest seines ganzen Schmetterlinglebens krabbelnd – mit einem verkrüppelten Körper und verschrumpelten Flügeln. Niemals war er fähig zu fliegen! Warum?

In seiner Güte und seinem Wohlwollen verstand der Mann nicht, dass der begrenzende Kokon und das Ringen, das erforderlich ist, damit der Schmetterling durch die kleine Öffnung kommt, der Weg der Natur ist, um  Flüssigkeit vom Körper des Schmetterlings in seine Flügel zu fördern. Dadurch wird er stark und fähig, einmal fliegen zu können, sobald er seine Freiheit aus dem Kokon erreicht hat.

Wenn ich so darüber nachdenke, entdecke ich darin ein Gleichnis für unser geistliches Leben. Manchmal ist das Ringen genau das, was wir benötigen. Wenn wir durch unser Leben ohne Hindernisse gehen dürften, so wie wir es uns so sehnlichst wünschten, würde es uns lahm legen. Wir würden innerlich nicht so stark werden, wie wir sein könnten, würden niemals charakterlich reifen und fest werden und sicherlich auch nicht fähig werden, Gott zu begegnen. Ist Gott nicht gut zu uns? Manche kennen sicher dieses bekannte Zitat:

„Ich bat um Kraft … und mir wurden Schwierigkeiten gegeben, um mich stark zu machen.
Ich bat um Weisheit … und mir wurden Probleme gegeben, um sie zu lösen und dadurch Weisheit zu erlangen
Ich bat um Wohlstand … und mir wurde ein Gehirn und Muskelkraft gegeben, um zu arbeiten.
Ich bat um Mut … und mir wurden Hindernisse gegeben, um sie zu überwinden.
Ich bat um Liebe … und mir wurden besorgte, unruhige Menschen mit Problemen gegeben, um Ihnen beizustehen.
Ich bat um Entscheidungen … und mir wurden Gelegenheiten gegeben.
Ich bekam nichts von dem, was ich wollte … aber ich bekam alles, was ich brauchte.“

So ist unser Gott! Er beschenkt uns mit allem, was wir brauchen. Er umsorgt uns; manchmal gerade dort, wo wir sein Eingreifen vermissen. Wir brauchen niemals über Schwierigkeiten zu klagen, denn es sind immer Gelegenheiten, die uns reifen lassen. Und wenn Gott sich schon um diese winzigen und zarten Schmetterlinge kümmert und ihnen aus ihren Kokons hilft, wie viel mehr stärkt er uns in unseren Herausforderungen! Durch seine Stärke können wir jederzeit überwinden. Wie tröstlich ist doch dieser Gedanke!

Wenn du in den kommenden Sommertagen die farbenfrohen, so leicht dahinschwebenden Schmetterlinge siehst, dann erinnere dich: Sie fliegen so leicht, weil sie voll Entschlossenheit durch Schwierigkeiten gegangen sind und Hindernisse überwunden haben. Auch du bist dazu berufen, einst in Gottes neuer Welt so leicht dahinzuschweben!