Fremd oder vertraut?

„… und meine Augen werden ihn sehen,
ohne ihm fremd zu sein.“

Hiob 19,27

Frühling auf dem Ölberg. Alles grünt und blüht, der warme Sonnenschein und die klare Luft sind wohltuend. Hier befindet sich Jesus mit seinen Jüngern. Unter ihnen liegt das kleine Dorf Bethanien, wo Jesus stets liebevolle Aufnahme im Heim des Lazarus und seiner Schwestern fand. Doch heute würde er nicht bei ihnen einkehren, denn ein viel bedeutenderer Empfang wartet auf ihn.

Vierzig Tage verweilt Jesus nun schon nach seiner Auferstehung auf dieser Erde. Seine Jünger umgeben ihn wie gewohnt und genießen das Zusammensein auf ganz neue Art und Weise. Sie lernen ihren Meister lieben, wirklich innig lieben und verstehen. Ihre Herzen werden von seiner Liebe berührt, ihr Stolz und Ego schwinden allmählich.

Als sie so auf dem Berg zusammen sind, erinnert Jesus sie noch einmal an alles, was sie in den letzten Jahren gemeinsam mit ihm erlebt haben und welch tiefen Sinn besonders die unlängst vergangenen Ereignisse hatten. Voller Liebe schaut er seine Jünger an und betraut sie mit der ehrenvollen Aufgabe, von nun an seine Zeugen zu sein. Dann breitet er segnend seine Hände über sie aus und wird vor ihren Augen langsam emporgehoben. Voll tiefer Innigkeit getragen dringen Jesu Worte noch an der Jünger Ohr: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt!“ Matthäus 28,20

Während die Jünger immer noch nach oben schauen, werden sie von einer ihnen unbekannten Stimme angesprochen. Als sie sich umwenden, sehen sie zwei strahlende Engel in menschlicher Gestalt bei ihnen stehen. Diese versichern ihnen, dass sie Jesus, ihren geliebten Meister, so wiederkommen sehen werden, wie sie ihn gerade gen Himmel fahren sehen haben.

Der Abschiedsschmerz weicht einer unaussprechlichen Freude. Ihre Gedanken drehen sich um ihren geliebten Herrn. Ihr Meister ist nun im Himmel, bei dem allmächtigen unfassbaren Gott! Plötzlich wird ihnen bewusst, dass sie einen Freund am Throne Gottes haben! Und sie verstehen die Tiefe der Verheißung: „Was auch immer ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, er wird es euch geben!“ Johannes 16,23

Und wenn sie künftig an den Himmel denken werden, dann immer auch gleichzeitig an Jesus, den sie geliebt und geehrt haben, der immer an ihrer Seite gewesen ist, mit dem sie wanderten und sprachen, der ihren Herzen Hoffnung und Trost zugesprochen hatte und den sie bis in alle Ewigkeiten lieben und verehren werden. Fortan ist der Himmel für sie kein fremder Ort mehr, sondern ihre neue Heimat - ihre ganze Sehnsucht und Freude.

Überaus glücklich und voller Vertrauen, dass ihre Gebete erhört werden, versammeln sie sich im Obergemach, um mit dem zu reden, der sie zwar verlassen, sich aber in viel größerem Umfang zu schenken versprochen hat. Das Pfingstfest brachte ihnen dann die Fülle der Freude durch die überschwängliche Ausgießung des Heiligen Geistes.

Und wie geht es dir? Ist dein Herz voll dieser Sehnsucht und der freudigen Erwartung auf dein neues Zuhause? Hast du auch solch einen Freund am Throne Gottes, der dich vor dem Vater vertritt? Kennst du ihn, pflegt ihr vertrauten Umgang miteinander oder weißt du nur eine Menge über ihn? Den Jüngern war Jesus vertraut. Und ganz gleich, was später geschah, sie hatten ihren Meister stets vor Augen und ihr Herz war mit unbeschreiblicher Liebe erfüllt. Nichts konnte sie von dieser Liebe trennen.

Selbst wenn Stress, Leistungsdruck und unerledigte Termine, Trauer und Enttäuschung, geplatzte Kariere und Existenznot oder Krankheit und Todesangst sich vor unseren Augen türmen sollten und unser Herz gefangen nehmen wollen, dann lasst uns wie die Jünger im Glauben aufschauen und mit Hiob sagen:

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt,
und zuletzt wird er sich über den Staub erheben.
Und nachdem diese meine Hülle zerbrochen ist,
dann werde ich, von meinem Fleisch los,
Gott schauen;
Ja, ich selbst werde ihn schauen,
und meine Augen werden ihn sehen,
ohne ihm fremd zu sein.
Danach sehnt sich mein Herz in mir!“

Hiob 19,25-27