Erstes Kapitel„Warum glaubst du dir und nicht mir?“Wo Vertrauen beginnt, weichen Vorbehalte und Ängste
Ich sitze in meinem Zimmer. Tränen laufen mir über die Wangen. Ich kann es kaum erhören, wie unter mir meine Freundin, in deren Familie ich lebe, und ihre Brüder im Streichquartett die Lieder für den morgigen Gottesdienst vorbereiten. Ich möchte doch auch mitspielen! Ich liebe einfach musizieren, erst recht im Gottesdienst. Ich möchte, nein, ich will auch mitmachen! Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Warum, ja warum darf ich nicht mitspielen? Gott, warum lässt du es zu, dass ich nun schon fünf Monate lang nicht mehr reden kann, nicht ein einziges Wort? Und nicht nur das, jedes Mal, wenn ich Musik höre, verkrampfen sich meine Stimmbänder und ich habe diese schrecklichen Schmerzen. Gott, warum? Du weißt doch, wie sehr ich Musik mag – und ich will sie auch zu deiner Ehre gebrauchen! Und nun muss ich hier stumm dasitzen, getrennt von den andern, die fröhlich musizieren, nur um ihre Musik nicht zu hören. Aber ich höre sie dennoch, wenn auch gedämpft. Ach, wenn ich nur wenigstens diese Schmerzen nicht hätte! Gott, warum – warum ist das alles so? Und wieder laufen mir Tränen übers Gesicht, Tränen der Enttäuschung, der Hoffnungslosigkeit und des Selbstmitleides. Nach einer Weile habe ich mich allmählich beruhigt, doch die Frage nach dem Warum blieb. Ich erinnerte mich, wie Gott mich in all den Jahren bisher geführt hat. Das machte mich still und dankbar. Nun fühlte ich mich, bildlich gesprochen, in seiner Hand auch wieder geborgen und war bereit, ihm zuzuhören. All die Auflehnung war verschwunden und das herausfordernde Reden verstummt. In meinem Herzen ist es still geworden, ganz einfach still. Und trotzdem dachte ich über den Sinn meiner so sinnlosen Krankheit nach. Da hörte ich seine Stimme, die Stimme meines lieben Heilandes: „Dani, hast du mich lieb?“ „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ – „Dani, hast du dein ganzes Leben mir völlig geweiht?“ „Herr, du weißt doch, was ich alles für dich getan habe, den Spott und die Nachteile, die ich alle für dich in Kauf genommen habe. Und vor vier Jahren habe ich mich taufen lassen. Natürlich habe ich mich dir geweiht.“ Tiefes Schweigen erfüllte den Raum. Doch da hörte ich sie wieder, diese Stimme: „Dani, liebes Kind, du hast mich nicht recht verstanden. Hast du dein ganzes Leben mir anvertraut und all dein Recht auf Selbstbestimmung an mich abgegeben?“ Diese Frage traf mich tief in meinem Herzen. Ja, ich meinte bis dahin, mein Leben ganz in Gottes Hände gelegt zu haben, aber hier wurde mir blitzschnell klar, dass es nicht wirklich so war, wenn auch fast. Dieser Augenblick war zu ernst, um irgendwelche Ausflüchte zu überlegen. Erschrocken über mich selbst antwortete ich wahrheitsgemäß: „Mein Heiland, ich habe dir mein ganzes Leben anvertraut, du darfst mich führen, wie es dir gefällt. Aber in Sachen Partnerwahl möchte ich bitte Mitspracherecht haben. Und falls du gar vorhast, dass ich Sebastian einmal heiraten soll, dann sage ich dir jetzt: Das möchte ich nicht!“ Ich war ganz aufgeregt, solche Gespräche führt man nicht alle Tage. Am meisten beunruhigte mich die Tatsache, dass ich meinte, ein guter Christ zu sein, es aber offensichtlich nicht war. „Dani, es tut mir leid, aber unter diesen Umständen kann ich nicht mehr dein Heiland sein. Das heißt, ich habe dich auch weiterhin noch lieb, aber ich kann dich nicht mehr uneingeschränkt zu deinem Besten führen. Du bist dein eigener Herr, nicht ich.“ Was? Jesus wollte nicht mehr mein Herr sein? Ich konnte den ganzen Glauben also wegschmeißen? Das war ja unmöglich! „Es ist aber so. Entweder möchtest du mir ganz gehören, oder bist als halber Christ ein ganzer Unsinn. Mehr Wahlmöglichkeiten gibt es nicht.“ Ich war schockiert. Bisher habe ich Gott noch nie deutlich zu mir reden gehört, und jetzt stellt er sich so vor! War das nicht ein wenig taktlos? Konnte er nicht dankbar sein, dass ich an ihn glaube und ihn liebe? Musste er wirklich solche Forderungen stellen? Ich legte mich auf mein Bett und weinte. Ja, unter Tränen rang ich um die richtige Entscheidung. Ich wollte meinen Heiland nicht verlieren, doch mein ganzes Recht auf Selbstbestimmung aufgeben – das war enorm viel. Wieder zogen vor meinem Auge all die gnädigen Führungen meines neunzehnjährigen Lebens vorüber. Ich konnte erkennen, dass Gott nur Güte ist. Warum sollte ich mich ihm jetzt verweigern? So konnte ich mich zu folgendem Gebet durchringen: „Mein lieber Heiland, deine Forderungen sind ganz schön hart. Doch ich möchte dir heute die Erlaubnis geben, alles in meinem Leben zu entscheiden, auch die Partnerwahl. Meine geheimen Wünsche brauche ich dir nicht zu erzählen, du kennst sie bereits. Ich würde mich freuen, wenn du sie mit berücksichtigst, aber ich stelle keine Bedingungen mehr. Ich danke dir, dass du mich führen willst und alles gut machen wirst. Amen.“ Nach diesem eindrucksvollen Erlebnis blieb meine Situation unverändert. Ich wohnte in der Familie meiner Freundin, um meine Ausbildung zur Erzieherin zu machen. Es gab da nur ein Problem. Jemand liebte mich! Über ein Jahr lang habe ich es nicht einmal gemerkt, obwohl es alle anderen wussten, so naiv war ich. Und als mein Verehrer seine Liebe etwas deutlicher zum Ausdruck brachte, war ich völlig schockiert. Ans Heiraten hatte ich überhaupt noch nicht gedacht. Und außerdem, wenn ich mir schon aussuchen könnte, dann niemals Sebastian. Nicht, dass ich ihn nicht mochte, mit ihm konnte man prima reden, aber als Mann und Familienvater fand ich ihn absolut ungeeignet. Dazu hatte er so einige Gewohnheiten, die ich einfach hässlich fand. Und ausgerechnet er liebte mich! Darüber war ich nicht gerade begeistert und gab es ihm auch zu verstehen. Es war schon ein komisches Gefühl, von jemandem geliebt zu werden, den man niemals heiraten will. Seine Mutti jedoch schien mit dieser Liebe ganz zufrieden zu sein und gab mir ein Zuhause wie einer Tochter. Mein Vati dagegen verbot mir vor Ausbildungsbeginn ausdrücklich, einen von diesen fünf jungen Männern in der Reich’schen Familie zu heiraten. Er hatte nichts gegen sie, mochte sie auch gut leiden, doch als Musiker seien sie eben keine Arbeiter – und ich nicht in guten Händen. Anfangs hatte ich mit diesem Verbot keine Schwierigkeiten, denn ich hatte sowieso keine Heiratsabsichten. Doch nun machte es mir zunehmend zu schaffen. Am meisten belastete mich die Tatsache, dass ich Sebastian durch meine Hartherzigkeit und den Widerwillen ständig verletzte. Und er litt gewaltig darunter, auch wenn er es mir nicht zeigen wollte. So wuchs der Berg von Schuldgefühlen, und eigentlich braucht man sich nicht zu wundern, wenn einem da die Sprache weg bleibt. War es da nicht liebevoll von meinem Heiland, gerade in dieser Situation so deutlich in mein Leben einzugreifen und mich um völliges Vertrauen zu bitten? Er kannte meine Sorgen und Lasten nur zu gut, die ich damals überhaupt nicht begreifen und einordnen konnte. Er wollte mich davon befreien und glücklich machen. Das war sein einziges Ziel mit mir. Leider verstand ich das damals noch nicht in dieser Weise. Aber, Gott sei gedankt, irgendwie wirkte sein Geist in meinem Herzen und ich entschied mich, Vertrauen zu wagen. Nun, es geschah nichts Außergewöhnliches. Der Alltag ging weiter, doch die Last wurde zunehmend leichter. Ich brauchte mir um die ganze Liebesangelegenheit keine Gedanken mehr zu machen. Es war schon tröstlich zu wissen, dass ich mich nicht mehr entscheiden und alles deichseln muss, sondern dass ich mich bereits entschieden habe, indem ich Gott absolut vertrauen und folgen wolle. Er würde alles richtig machen. So konnte ich zuversichtlich sein, und siehe da, meine Stimme kam so langsam wieder. Es dauerte zwar noch über ein halbes Jahr, bis ich richtig geheilt war, aber ich konnte wieder hoffen. Jahreswechsel 1997/98. Als Jugend fuhren wir einige Tage ins Erzgebirge. In der Silvesternacht standen wir mit unseren Laternen auf einem kleinen Berg und beobachteten das Feuerwerk. Die Glocken läuteten Mitternacht. Ich stand ganz vertieft ein wenig abseits, als ich jemanden hinter mir bemerkte. Da vernahm ich wieder die vertraute Stimme aus dem Himmel: „Dies ist dein Mann!“ Ich traute mich kaum umzudrehen, tat es dann aber doch. Sebastian schaute mir in die Augen und wünschte mir ein gesegnetes neues Jahr. Glücklicherweise konnte er in der dunklen Mitternacht mein Gesicht nicht so genau sehen, denn ich bin sehr rot geworden. Er ahnte nichts von dem, was in mir vorging. Nach ein paar lieben Wünschen ging er dann wieder zu den anderen und ließ mich nachdenklich zurück. „Oh mein Heiland, du willst es also doch und gehst auf meine Wünsche kein bisschen ein!“ seufzte ich. „Dani, mein Kind, erinnerst du dich noch an unser erstes Gespräch diesbezüglich vor über einem Jahr? Hast du mir nicht erlaubt, dich nach meinem Willen zu führen? Glaubst du nicht, dass ich dich glücklich machen werde?“ – „Ja, Herr, ich glaube dir, aber es fällt mir nicht so leicht. Ich kann Sebastian nicht lieben, wenngleich er mich immer noch liebt.“ – „Warum glaubst du dir und nicht mir?“ – „Mein Heiland, ich möchte dir glauben. Bitte schenke du mir die Liebe, wenn es dann soweit ist. Und Heiland, ich weiß gar nicht, wie ich das meinen Eltern einmal erzählen soll. Ich darf doch niemanden von Reichs heiraten. Das gibt Probleme.“ – „Meine liebe Dani, überlass mir einfach alles, ich mach das schon. Und habe keine Angst vor einer Freundschaft, vertraue mir einfach weiter. Und du wirst sehen, es kommt alles zu seiner Zeit und alles wird gut.“ Als Sebastian mich fünf Monate später fragte, ob ich nun bereit wäre, eine ganz einfache Freundschaft mit ihm zu beginnen (darauf hat er nun immerhin schon vier Jahre gewartet!), tobte wieder ein schwerer Kampf in meinem Herzen. Hatte dieses Thema nicht noch ein wenig Zeit? Und wieder war es Gott, der mich um Vertrauen bat. Zögernd willigte ich ein, hoffentlich würde diese Freundschaft lange unbemerkt bleiben, denn ich schämte mich. Die meisten hatten die Hoffnung, dass wir ein Paar werden würden, nach all den Jahren ohnehin schon aufgegeben. Außerdem musste ich in acht Wochen in eine etwa 650 Kilometer entfernte Stadt ziehen, da ich dort eine Arbeitsstelle gefunden hatte. Aufgrund dieser Entfernung sei es sicher unmöglich, eine engere Beziehung aufzubauen – und das war auch gut so. Jedenfalls meinte ich es. Tatsache war, dass ich noch an diesem Abend Sebastian einen Brief schrieb, einen Brief voller Liebe. Und kaum in Solingen angekommen, wollte ich mich schon verloben, um nicht ungeschützt all den Blicken und Gefühlen der jungen Männer ausgesetzt zu sein. Wie kann man sich das erklären? Gott kann Wunder in unseren Herzen wirken, wenn wir ihm nur vorbehaltlos vertrauen. Nach zwei weiteren Jahren heirateten wir. Als ich auf dem Standesamt unterschrieben hatte, fühlte ich mich äußerst glücklich – nicht, weil ich so verliebt war und mein Wunschtraum in Erfüllung gegangen ist, sondern weil nun endgültig besiegelt war, dass ich Sebastians Frau war. Diese wollte ich nun gerne sein. Völliges Vertrauen in Gottes Führung und bedingungsloser Gehorsam haben das möglich gemacht. Und Gott hat sein Wort gehalten. Er hat uns beide glücklich gemacht. Es gibt Zeiten im Leben eines jeden Menschen, wo er – meist völlig unerwartet und plötzlich – mit der Frage konfrontiert wird: „Warum glaubst du dir und nicht mir?“ Und diese Frage wird uns überraschen, da wir entweder meinten, Gott vorbehaltlos zu vertrauen und die Wahrheit uns dann blitzschnell klar wird, oder weil wir noch nie mit der Existenz eines persönlichen Gottes gerechnet haben. In solchen Augenblicken regen sich schnell aufbäumende Gedanken: „Wie kann ich glauben, wenn ich es mit meinem Verstand nicht fassen kann? Wie soll ich Gott vertrauen, wenn ich ihn nicht kenne, ja nicht einmal sehe?“ Das ist verständlich, darum wird sich Gott auch ganz individuell vorstellen und in markanten Situationen unaufdringlich und dennoch unübersehbar um Vertrauen werben. Wie du darauf reagierst, ist ganz deine Entscheidung. Du wirst nicht gezwungen oder unter Druck gesetzt. So etwas entspricht nicht dem Wesen unseres Gottes. Möchtest du gern Vertrauen wagen? Dann wird Gott dich mit Vertrauen beschenken, denn wir können es nicht einmal selber produzieren. Und wo Vertrauen wächst, schwinden alle Vorbehalte und Ängste – und Liebe entsteht. Du brauchst keine Bedenken zu haben. Gewiss, es scheint irgendetwas Ungewisses in der Luft zu schweben, wenn man einfach vertraut. Schließlich kann man nicht mehr selbst alles managen und kontrollieren. Doch bei Gott hast du die Verantwortung an einen meisterhaften Lebensberater abgegeben, mit dem es gut zu kooperieren gilt. Du kannst dich getrost auf dieses Abenteurer einlassen. Es wird spannend und wirklich gut werden.
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