Viertes KapitelVergiss es, es war nur ein Traum!Vertrauen folgt zuversichtlich göttlichen Plänen, auch wenn sie ein Wagnis darstellen, und bezwingt Schwierigkeiten
Wir schauten uns gerade ein Haus an. Es stand auf einem kleinen Hügel irgendwo in der Einsamkeit. Die Räume waren hoch und dunkelbraun gestrichen. Die großen Fenster ließen kein Licht herein, da die massiven Rollläden fest unten waren. Die Stube bestand aus zwei Zimmern mit einem Durchbruch. Daneben stand ein uralter brauner Kachelofen, der beide Teile beheizte. Im vorderen und größeren Teil standen ein brauner wackliger Tisch und um ihn herum einige alte grüne Stühle. Es war schon eigenartig anzusehen, hatte aber auch seine Reize, mal abgesehen von dem vielen Schmutz, der überall lag. Bald kamen auch schon unsere Eltern und wollten dieses Haus besichtigen. Sie schimpften über den schlechten Weg und den schlammigen Hof. Als sie dann in die Stube traten, äußerten sie laut ihre Entrüstung. Daraufhin zeigten wir ihnen nur, wo einmal unsere Ofenbank stehen würde. Nun, es dauerte nicht lange, bis sie kopfschüttelnd gingen. Nun waren wir wieder unter uns, mein Mann, unsere zwei kleinen Kinder, ein Baby und ich. Wir schauten uns an. Was sollten wir tun? Die Versteigerung bei eBay lief. Sollten wir das Haus nehmen? Die Schwere der Entscheidung erdrückte uns fast. Nein, wir wollten eigentlich nicht, die Eltern standen ja auch nicht dahinter. Und es gab so viele Gründe, die uns davor zurückhielten. Aber irgendetwas hielt uns noch fest. Mein Mann ging noch einmal schnell zum Laptop und schaute nach der Auktion. In fünf Minuten sollte sie beendet sein. Wir mussten uns entscheiden! Und zwar schnell! Aber die Entscheidung war so schwer! Wir beteten und dann tat mein sonst so zögernder Mann etwas Ungewöhnliches: er ersteigerte das Haus! Mir war zum Weinen zumute, die Verantwortung war zu groß und die Finanzierung schier unmöglich! Doch Sebastian hatte dieses Haus ersteigert! Schweißgebadet wachte ich auf. Es war nur ein Traum! Zum Glück! Noch ganz benommen machte ich mich an diesem Morgen fertig. Und als ich Sebastian davon erzählte, lachte er nur und sagte: „Aber Dani, bei eBay kann man doch keine Immobilien ersteigern! Wie stellst du dir das eigentlich vor? Vergiss es, es war nur ein Traum!“ Doch wie kam ich zu so einem Traum? Wir suchten tatsächlich ein neues Heim. Es sollte etwas abgelegen am Rande eines Dorfes und landschaftlich schön liegen. Wir sehnten uns nach der freien Natur und mochten einfach nicht mehr diesen Blick auf benachbarte Häuser und das eingeschränkte Vorstadtleben. Wir wünschten uns Freiheit, ganz besonders für unsere Kinder. So suchten wir schon mit der Geburt unserer Kinder nach einem geeigneten Heim. In dieser Zeit beschäftigten wir uns intensiv mit dem Wort Gottes und suchten aus der Schrift nach Kriterien, die Gott uns für ein Heim gegeben hat. Wir versuchten zu entdecken, wo die großen Gottesmänner aufgewachsen sind und welche Kindheit sie gehabt haben. Dort fanden wir viele Parallelen und damit Hinweise für uns. Doch die Jahre vergingen (zeitgleich zu den beiden letzten Kapiteln), aber wir fanden nichts – bis zu diesem Traum. Als mein Mann an diesem Tag von der Arbeit kam, begrüßte er mich mit den Worten: „Dani, stell dir vor, ab April kann man tatsächlich Immobilien über eBay erwerben!“ Wir hatten bereits Mitte März. Es war unglaublich! Sollte dieser Traum doch etwas bedeuten? Wollte uns der Herr nun etwas sagen? Wir waren gespannt. Eifrig durchsuchten wir bald das Internet nach Häusern und Wohnungen. Und es dauerte gar nicht lange, da entdeckten wir auch schon eine Anzeige, die unseren Vorstellungen entsprach – außer den Finanzen. Es gab zwei Häuser, für die wir uns interessierten, ein Land- und ein Waldhaus, beide von ein und demselben Anbieter. So rief ich dort an und wollte Näheres wissen und ob auch die Möglichkeit des Mietkaufes besteht, da wir keinen Kredit nehmen wollten. Die weiteren Informationen klangen interessant, doch die Möglichkeit des Mietkaufes bestand nicht. Na gut, dann sollte es nicht sein, dachten wir, obwohl wir besonders das zweite Haus nicht aus dem Herzen verloren. Ein wenig später drängte uns der Anbieter dazu, doch wenigstens das Landhaus mal anzuschauen. Gut, wir willigten ein, obwohl wir keinen Sinn darin sahen. Aber der Herr wollte es so. So fuhren wir den nächsten Sonntag dorthin, ich krank und hochschwanger mit unserem dritten Kind. Als wir das Haus sahen, waren wir enttäuscht. Es hatte zwar bestimmte Gemeinsamkeiten mit unseren Prinzipien, doch es entsprach ihnen nicht ganz. Aber wir hatten mit dem Besitzer ein schönes und hochinteressantes Gespräch über den Lebensstil, den Glauben, und die Kindererziehung. Herr K. hatte in vielen Dingen ähnliche Ansichten wie wir. Er war ein guter Kirchenchrist. Aber sein Traum war es, so wie die Amish-People zu leben. Er fand ihre Ideale von dem einfachen natürlichen Leben, der Unabhängigkeit vom Staat, der Gottesfurcht und der Einheitlichkeit nachahmenswert. Er war auf der Suche nach solch einem Leben. Und er war offen für Gott. Beim Verabschieden baten wir um etwas Bedenkzeit, wir wollten einfach in den nächsten Tagen anrufen und ihm unsere Entscheidung mitteilen. Nun überlegten wir, warum uns Gott wohl extra hierher fahren lassen hat, obwohl das Haus offensichtlich nicht seinem Willen entsprach. Wir wollten in Ruhe darüber beten und taten es auch. Schon am nächsten Tag sagten wir diesem Anbieter ab. Wenige Tage später rief er aber erneut an und wollte sich unbedingt wieder mit uns treffen. Wir gaben ihm deutlich zu verstehen, dass das keinen Sinn hat, da wir uns in unserer Entscheidung sicher wären. Außerdem war mir in den letzten Tagen vor der Geburt und dem Gesundheitszustand wegen der Vergiftung nicht gerade zum Reisen zumute. Doch Herr K. gab nicht auf. Daraufhin willigten wir ein, aber unter einer Bedingung: wir wollten uns in seinem Waldhaus treffen. So kam es dann auch. Wir fuhren weit in die Annaburger Heide hinein und fühlten uns dort sofort wohl. Das Häuschen war wirklich klein und niedlich, wenn auch ziemlich heruntergekommen. Aber die Bausubstanz war gut und es hatte keinerlei Anzeichen von Nässe und Schimmel, was sehr ungewöhnlich war. Hohe Räume und riesige Fenster sorgten für ein gutes Raumklima. Kachelöfen sollten im Winter angenehme Wärme verbreiten. Die Aufteilung der Räume, die freie Lage des Hauses trotz des Waldes, Gartenland und manches mehr entsprach genau unseren Vorstellungen. Wir hatten endlich gefunden, was wir suchten. Um ganz sicher zu gehen, erbat sich Sebastian von Gott ein Zeichen, was sich eindeutig erfüllte. Glücklich fuhren wir an diesem Abend wieder nach Hause. Doch bald stellten sich Bedenken ein. Sollten wir wirklich so weit weg ziehen und damit Sebastians guten Arbeitsplatz verlieren? Eigentlich hatten wir nur im Umkreis seiner Arbeitsstelle nach einem neuen Heim gesucht. Und wenn wir die Arbeit wirklich aufgeben sollten, müsste wenigsten eine neue in Aussicht sein. Doch dort in dieser Gegend war das sehr unwahrscheinlich. Außerdem hatten wir uns ein Heim etwas abseits gewünscht, aber nicht in der absoluten Einsamkeit. Immerhin müssten wir dann ganze 10 Kilometer durch den Wald bis zu den ersten Häusern unseres kleinen Städtchens fahren. Und die Finanzierung schien uns absolut unmöglich zu sein. Obwohl ich an Gottes Führung glaubte, suchte mein Mann weiter nach besseren, d.h. billigeren Angeboten. So war das Waldhaus bald nur noch ein Traum. Fast ein ganzes Jahr lang suchten wir weiter. Der Immobilienmarkt florierte. Die Preise gingen nach unten, aber für uns fand sich nichts Geeignetes. Doch die Notwendigkeit eines Umzuges wurde immer dringender. Unsere kleine Wohnung war einfach zu eng für drei kleine Kinder. Und der Schimmel machte mir zu der Vergiftung noch mehr zu schaffen. So manches Mal dachten wir an das Waldhaus, doch ein Kauf war ausgeschlossen. Der Preis dafür war zu hoch! Nun spürten wir den göttlichen Ruf, zu meinen Eltern zu gehen und sie nach einer Wohnung in ihrem Haus zu fragen. Sie wohnen inmitten der herrlichen Natur am Fuße des Erzgebirges und haben uns schon oft angeboten, das große Haus mit ihnen gemeinsam zu bewohnen. Es ist wirklich sehr schön dort, dennoch wollten wir bisher nicht. Der Arbeitsweg wäre zu lang und es müsste erst mal kräftig gebaut und trockengelegt werden. Da gibt es 100 Meter weiter ein Clubhaus, woher an den Wochenenden laute und wilde Musik zu ihnen dröhnte. Das empfanden wir sehr störend. Das Klima fanden wir auch nicht gut, da mein Elternhaus direkt neben einem See, etwas unterhalb der Staumauer liegt. Die Luftfeuchte war immer sehr hoch und diese nasse Kälte fanden wir nicht gerade gesund. Aber was sollten diese Einwände, wenn der Herr es nun von uns möchte. Wir wollten es tun – ohne Vorbehalte. Die Reaktion der Eltern überraschte uns jedoch, genauso wie wir sie mit unserem Anliegen überraschten. Statt großer Begeisterung und eifriger Pläne gab es Bedenken, Schwierigkeiten und Sorgen. Natürlich schwang auch etwas Freude mit, doch sie wurde eher überschattet. Die Eltern waren zwar bereit, uns ein Heim zu bieten, doch sie baten uns, das alles noch einmal gründlich zu überlegen und trotzdem weiter nach einer anderen Möglichkeit Ausschau zu halten. Gut, das taten wir, obwohl wir Gottes Wege überhaupt nicht verstanden. Im Gegenteil, wir waren verunsichert und verwirrt. Warum ließ uns der Herr diesen Schritt gehen, der dann doch nicht gut war? Wir sollten es bald verstehen. Schon wenige Tage später entdeckten wir im Internet ein Haus, was von der Beschreibung her sehr schön war und noch dazu so günstig, dass wir es sofort kaufen könnten. Endlich mal keine Probleme mit den Finanzen! Außerdem könnte Sebastian über die Autobahn relativ schnell zur Arbeit kommen. Ein herrliches Grundstück mit vielen Obstbäumen wirkte einfach einladend! Den folgenden Sonntag fuhren wir dorthin, um es zu besichtigen. Ich war voller Erwartung, fühlte mich aber mit meinem verhüllten Kopf etwas unwohl. Was sollten die Anbieter nur denken? Sie mochten uns und waren bereit, uns das Anwesen trotz vieler Interessenten zu verkaufen. Sie setzten den Kaufpreis noch einmal herunter, da ihnen unsere Kinder so gefielen. Das machte das Angebot so verlockend! Statt sofort zuzusagen, erbaten wir uns Bedenkzeit, denn wir wollten in Ruhe unseren Heiland um Rat bitten. Zwei Tage wurden uns gewährt. In dieser Zeit machte uns der Herr klar, dass er eigentlich andere Wege mit uns vorhabe, doch unsere festgelegten Vorstellungen ließen sie noch nicht erkennen. Er fragte uns, ob wir bereit wären, unsere Pläne und Wünsche aufzugeben und ihm zu folgen und zu vertrauen, egal wie außergewöhnlich und unverständlich es werden würde? Hier kündigte er uns zum ersten Mal an, dass er uns in seinem Werk gebrauchen wollte. Wie und in welcher Weise sagte er uns nicht, doch er bat um eine Entscheidung. Wenn uns dieser Schritt zu schwer wäre, dürften wir zwischen meinem Elternhaus und diesem hier wählen. So war es also, wir durften wählen! Unser gütiger Gott ließ uns mit diesen beiden Möglichkeiten auseinandersetzen, damit wir den folgenden Schritt niemals bereuen müssten. Wie liebevoll! Ja, wenn der Herr lieber andere Pläne mit uns beabsichtigte, wollten wir dazu bereit sein. Mit dieser Entscheidung war es uns ernst, wir überdachten auch die möglichen Konsequenzen, doch die ganze Tragweite dieser Entscheidung war uns nicht so recht bewusst. Wir trafen zwar hier eine klare Entscheidung, wurden aber leider nicht wirklich stille vor Gott, um auf sein Wort und genaue Anweisungen zu warten. Inmitten all der Herausforderungen unserer hektischen Zeit lebten wir bald wieder weiter wie bisher und suchten eifrig nach einem Zuhause. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass Gott uns den Weg weisen würde, ohne dass wir eifrig weiter suchen würden. Doch so nach und nach belastete uns diese ganze Sucherei, dazu kamen noch meine Krankheit und die vielen offenen Fragen. Doch statt endlich stille zu werden und uns Zeit für Gott zu nehmen, stürzte sich Sebastian geradezu in die Suche. Bis zu 200 Anzeigen lasen wir uns sonntags durch, die ich in der Woche dann abtelefonierte. Und immer wieder Enttäuschung! Es ist nicht verwunderlich, dass unser geistliches Leben in eine Krise geriet. Erst als wir das bemerkten und dem Druck der Belastung wirklich nicht mehr standhalten konnten, ließen wir alles liegen und suchten Antwort bei Gott. Uns war bewusst, dass wir an der ganzen Sache schuld sind, nicht er. Ernsthaft hinterfragten wir uns selbst und danach unsere Vorstellungen. Als wir nun endlich zur Ruhe gekommen waren, zeigte uns der Herr in aller Stille, in welchen Bereichen unseres persönlichen Lebens wir ihm noch keine freie Verfügung gegeben haben. Dieser Moment war ernst und feierlich, wir wussten, dass wir uns nicht selbst belügen konnten. Mein Mann hing an seiner Arbeitsstelle. Er wollte sie unbedingt behalten oder zumindest eine neue in Aussicht haben, was ja verständlich ist. Und ich hing an der Krankenkasse; ich wollte sie auf keinen Fall aufgeben. Schließlich müssen wir ja Verantwortung für uns und unsere kleinen Jungs tragen. Liebevoll lud uns nun der Heiland ein, die Verantwortung für diese Dinge ihm anzuvertrauen. Er würde niemals unser Vertrauen missbrauchen. So übergaben wir ihm erneut unsere Herzen. Nun verspürten wir wohltuenden Frieden, obwohl sich die äußeren Umstände nicht änderten. Zugleich waren wir aber auch beschämt, dass Gott schon angefangen hatte, uns den Weg zu weisen, wir aber so von unserer Pflicht der Suche überzeugt waren, dass er nicht mehr weiterreden konnte, wir hätten ihn ja ohnehin nicht gehört. Nach einigen Wochen rief uns der Besitzer des Waldhauses wieder an. Das war schon ungewöhnlich. Doch noch ungewöhnlicher war, dass er uns für eine Woche zum Probewohnen ins Waldhaus einlud. Diese Einladung kam wie aus heiterem Himmel und wir spürten, dass sie für uns zum Wendepunkt werden sollte. Nun, eine Woche lang hatten wir keine Zeit, aber ein verlängertes Wochenende wollten wir dort im leeren Häuschen verbringen. Es war im Frühling des Jahres 2005, ein Jahr nach unserem ersten Besuch im Waldhaus. Das Wetter war ungemütlich kalt. Es regnete und hagelte die ganze Zeit. Und dennoch verbrachten wir eine wunderschöne Zeit dort. Wir hatten so viele Fragen. Doch es gab niemanden, mit dem wir unsere Fragen besprechen konnten. Ein Blick aus dem Badfenster zeigte uns, mit wem es sich zu reden lohnt. Von dort sieht man nur die Wipfel der Bäume und den freien Himmel über uns. Wir sollten unseren Blick nach oben wenden, der Himmel ist jederzeit offen für uns. So richteten wir alle Fragen an ihn, der uns allein richtig beraten kann. Wollte uns Gott wirklich an diesen Platz stellen? Sollten wir wirklich das Wagnis des Hauskaufes eingehen? Würde er für die fehlenden Mittel sorgen? Würde uns das Leben in der Einsamkeit gut tun? Kämen wir mit den Herausforderungen, die solch ein Leben in der Wildnis mit sich bringen, zurecht? Wir waren ja gar nicht darauf vorbereitet. Würde Sebastian Arbeit finden, um unsere Familie ernähren zu können? Würde der Boden fruchtbar sein, damit wir unser Land auch bebauen können …? Wir legten all diese Fragen unserem Heiland vor und immer wieder bekamen wir beim Bibellesen eine Antwort darauf. Das war so eindrucksvoll, dass wir uns zum Hauskauf entschieden. Nach diesem Wochenende bestärkte uns Gott immer wieder in diesem Schritt. Es schenkte uns unzählige Verheißungen. Eine von ihnen steht im Buch des Propheten Jesajas:
„Ich selbst will vor dir herziehen
Jesaja 45, 2.3 Wir klammerten uns fest an dieses Versprechen, denn die Unmöglichkeit eines Hauskaufes war uns bewusst. Eigentlich wollten wir ja gar nicht um irgendetwas kämpfen, was wir uns nicht leisten konnten. Manchmal fühlten wir uns schon komisch bei diesem Gedanken, noch mehr aber litten wir unter den Reaktionen unserer uns liebenden Eltern. Gewiss, dieser Schritt war einfach irre! Doch eine unbezwingbare Macht drängte uns dazu, diesen Schritt im Vertrauen zu wagen. So gut wir die Einwände der Eltern auch verstanden, mussten wir doch vorwärts gehen. Diese Entscheidung war schon gewichtig genug, aber wir spürten, dass der Herr uns noch mehr sagen wollte. Unbeabsichtigt lasen wir in jeder Andacht, ob persönlich oder gemeinsam, etwas über den Missionsauftrag. Das war schon komisch. Nach ein, zwei Wochen meinte Sebastian nur: „Ich weiß nicht, was ich machen soll, immer wieder lese ich etwas über Mission, egal was ich aufschlage. So langsam werde ich davon überzeugt, dass dieser Auftrag wirklich uns persönlich gilt.“ Das entsprach damals überhaupt nicht unseren Wünschen, nicht einmal unseren Fähigkeiten. Wir wollten doch einfach nur raus in die Natur ziehen und Ruhe finden, Ruhe von all den Anstrengungen des Stadtlebens und der Hektik, und besonders Heilung für mich! Wie könnten wir missionieren, wenn wir kaum alle Arbeiten in unserem eigenen Haushalt schaffen, da ich nicht voll leistungsfähig war und Sebastian mir oft mit unter die Arme greifen musste? Das einzige Missionsfeld, was wir sahen, waren unsere drei kleinen Kinder, und das wollten wir nicht vernachlässigen. Außerdem waren wir beide recht schüchtern und fühlten uns diesem Auftrag nun wirklich nicht gewachsen. Der Herr erinnerte uns daran, dass wir ihm versprochen hatten, uns nach seinem Willen führen zu können. So wollten wir ihm nicht mehr im Weg stehen. Wir nahmen diesen Auftrag erst einmal an und wollten konkrete Anweisungen abwarten. Die folgende Zeit nutzten wir innerlich zur Vorbereitung und stellten auch so manche Überlegungen an, was denn eigentlich unsere Aufgabe werden würde. Aber wir kamen zu keiner glücklichen Lösung. Das mussten wir auch nicht, Hauptsache, wir waren offen und bereit für Gottes Pläne, wenn er sie uns vorstellen würde. Die Kaufgespräche und Verhandlungen liefen. Wir sollten noch diesen Sommer umziehen! Wohnung und Arbeit waren bereits gekündigt, da stellten sich Probleme ein. Wie immer, es ging um die Finanzen. Das Haus war absolut überteuert, der Zustand des Daches entsprach auch nicht der Ausschreibung. Ein klein wenig ist uns der Besitzer mit dem Preis entgegengekommen, aber es war immer noch ein Vielfaches seines Wertes. Die Möglichkeit zwischen Kauf, Mietkauf und Miete wechselte auch hin und her. Außerdem gab es auf einmal noch einen Interessenten, der gut bezahlen würde. Nun, wir vertrauten unserem Heiland und hatten nichts Besseres zu tun, als Haus und Hof schön aufzuräumen, damit alles nett und einladend wirkt, wenn der andere Interessent zum Anschauen kommt. Und wie erwartet, wollte der andere keiner jungen Familie das Häuschen wegnehmen, so gut ihm der Besitzer auch zuredete. So erfuhren wir immer wieder Gottes gnädige Führung, doch manches Mal beschlichen mich Zweifel, ob dieser gewagte Schritt auch wirklich richtig ist. Andermal lehnte ich mich innerlich dagegen auf, in die Einsamkeit ziehen zu müssen. Ich könnte dort mit niemandem reden und sähe weit und breit nichts als Bäume, Farne und die Bahnschienen. Ich liebte den Duft der blühenden Fliederbüsche und die Korn- und Mohnblumen. Leider würde ich sie nie wieder sehen können. Doch als wir das nächste Mal ins Waldhaus fuhren, entdeckte ich einen schönen Flieder direkt vor dem Haus, und Mohnblumen blühten auch am Wegesrand, sogar im Garten! Ich war beschämt. Ein anderes Mal war ich in unserer alten Wohnung gerade dabei, die Wintersachen der Kinder gegen die Sommersachen zu tauschen, manches anzuprobieren und jedem seine Kleidung zuzuordnen. Dabei machte ich mir ernsthaft Gedanken, woher ich denn im Waldhaus Kleidung für meine Kinder bekommen könnte. Weit und breit gab es kein Secondhandgeschäft, auch keine lieben Nachbarn, die mir getragene Kleidung von ihren Kindern geben könnten, aus denen sie schon herausgewachsen waren. Eigentlich war diese meine Sorge ziemlich dumm, denn Gott würde schon für mich sorgen. Doch unser Heiland war so liebevoll und reagierte prompt auf diese Frage. Noch in dieser Woche besuchte uns die Hebamme, mit der wir immer noch im freundschaftlichen Kontakt standen, obwohl unsere Drei dem Säuglingsalter schon entwachsen waren. Sie brachte zwei Säcke voll mit Kindersachen mit – als Vorrat, wenn wir in den Wald ziehen. Das beschämte mich, erst recht als sie mir versprach, immer wieder mal ein Paket mit Sachen zu schicken, was sie auch macht. Eigentlich hätte ich jetzt dankbar und zufrieden sein können. Wir hatten genügend göttliche Hinweise bekommen. Obwohl ich mich auf das Leben im Waldhaus freute, haderte ich dennoch manchmal damit. Eines Tages lernte der Sohn unserer Vermieter das Fahrradfahren. Da ein großer Teil des Hofes schön betoniert war, ging es auch sehr gut. Bald machte er seine Sache ganz prima und radelte unzählige Runden. Als ich ihm so zuschaute, beschlich mich der Gedanke, woher ich denn in ein paar Jahren – wohlgemerkt in ein paar Jahren – Fahrräder für meine Jungs bekommen würde. Ich ahnte schon, dass wir uns so etwas dann wohl kaum leisten könnten. Erschrocken über diesen Gedanken schalt ich mich selber und erzählte alles meinem Heiland im Gebet. Ich war noch nicht einmal damit fertig, da klingelte es am Tor. Nachbars Kinder standen dort und sollten mich im Auftrag ihrer Mami fragen, ob ich Interesse an alten Kinderfahrrädern hätte. Ich könnte zwei oder drei reparaturbedürftige Räder für insgesamt 10,-€ bekommen. Ihr könnt sicherlich verstehen, wie mir zumute war – erstaunt, dankbar und beschämt zugleich. Welch großen Gott haben wir doch! Er nimmt sich sogar solcher Fragen und Sorgen an. Nun wollte ich ihn nicht mehr unnötig herausfordern und übte mich im Vertrauen. Der Notartermin wurde festgelegt. Von den geforderten 12.000,-€ Anzahlung hatten wir bereits 10.000,-€ angespart. Das wusste auch der Hausbesitzer. Das Verhältnis zu ihm war innerhalb des einen Jahres schon deutlich abgekühlt. Er schwärmte nur noch für die Ideale der Amish-People, und war dem lebendigen Glauben an einen persönlichen Gott immer mehr verschlossen. Er wollte nur noch eins: auswandern nach Amerika. Und dazu brauchte er Geld. Bis wenige Tage vorher wussten wir nicht, wie wir das bezahlen sollten, geschweige denn unseren Lebensunterhalt, Spritkosten und die Gelder für alle möglichen Behörden, die bald kommen würden. Es war eine Zeit blinden Vertrauens. So manches Mal war uns bange vor diesem Schritt, doch der Herr drängte uns vorwärts. Eine Situation werden wir sicher immer in Erinnerung behalten: Das Wochenende direkt vor dem Kauftermin verbrachten wir wieder dort im Waldhaus. Wir durften es am Wochenende kostenfrei benutzen und uns um dessen Pflege kümmern, da es schon so lange leer stand. Wir räumten wieder kräftig auf, legten einen Garten an, schnitten die Hecken und meine Eltern mähten sogar den Rasen. Der Abend kam schneller als erwartet. Wir waren müde und geschafft von der anstrengenden Arbeit und wollten bald nach Hause. Ich packte alle Sachen zusammen und Sebastian badete die Kinder. Da kam der Hausbesitzer angefahren. Er vermutete uns um diese Zeit sicher nicht mehr hier. Wir begrüßten uns kurz, dann ging jeder seinen Aufgaben nach. Was ich dann beobachtete, gab mir einen Stich ins Herz: Herr K. lud alle möglichen Sachen, Werkzeuge und Gartengeräte auf sein Auto. Im Vertrag war vereinbart, dass wir das Haus wie es steht und liegt, übernehmen sollten. Schließlich mussten wir obendrein noch ganze 2000,-€ für fast nicht vorhandenes Inventar und sämtlichen Müll bezahlen. Und nun lud er auf, was er noch gut gebrauchen konnte. Wir hätten so manches auch gern haben wollen! Ich war enttäuscht! Nach der vielen Arbeit und den nervenaufreibenden Gesprächen mit den Eltern heute, auch das noch! Wir sagten kein Wort, sondern ließen es geschehen. Zum Abschied fragte Sebastian noch einmal nach Preisminderung, weil am Dach dringend etwas getan werden musste, was nicht gerade harmlos war, oder um eine niedrigere Mietkaufrate. Daraufhin ernteten wir ein Donnerwetter, was den Ernst der Sache erneut erkennen ließ. Nun standen wir vor der Wahl: entweder wir kauften unter diesen Bedingungen, oder wir würden es nie mehr bekommen können. Wir mussten uns entscheiden, und zwar sofort! Vorsichtig fragte ich um eine Bedenkzeit von fünf Minuten. Sie wurde uns gewährt. Wir beteten ernstlich. Danach erinnerten wir uns an den Andachtstext vom Morgen: Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht! Jesaja 7,9 Luther Das war die Antwort, die wir brauchten! Nach all den Führungen der letzten Zeit und diesem Wort sagten wir dem Kauf zu. Als wir an diesem Abend nach Hause fuhren, war uns zum Weinen zumute. Großer Gott, warum sind deine Wege so schwer? Oder sind wir wirklich so verblendet, wie uns vorgeworfen wird? Dann sollte er nicht zulassen, dass dieser Kauf zustande kommt. Darum beteten wir. Notartermin. Die letzten Verhandlungen waren mühsam. Die Bedingungen wurden immer wieder verändert. Herr K. wollte sich bis aufs Letzte absichern und kaum Zugeständnisse machen. Schwere Sanktionen wurden festgelegt, falls es einmal zu finanziellen Problemen kommen würde, die zu Zahlungsschwierigkeiten führen. Und tatsächlich fragte er den Notar, was denn wäre, wenn das Dach durch unseren Umgang einbrechen würde. Ein Dach, welches nach seinen Aussagen uns gegenüber noch 100 Jahre halten würde, in Wirklichkeit aber schnellstens reparaturbedürftig war. Es war demütigend und verletzend zugleich. Unter solchen Umständen riet ihm der Notar, von einem Kauf – erst recht einem Mietkauf – abzulassen. Wir waren dann sehr überrascht, als er uns das Haus dennoch auf Mietkaufbasis überließ. So unterschrieben wir den Vertrag und zahlten die Anzahlung, deren volle Summe erst wenige Tage vorher durch Sebastians letzten Lohn und das Kindergeld zusammen kam. Es war vollbracht! Der Kauf war erst einmal abgewickelt. Wir fuhren gleich anschließend ins Waldhaus, um dort das Wochenende zu verbringen und auszuruhen. Wir fühlten uns wie müde Krieger nach der Schlacht. Die Stille des Waldes tat uns gut. Unsere Gedanken sollten zur Ruhe kommen. Doch die Wehmut wich nicht aus dem Herzen. Als die Sonne langsam unterging und der Sabbat begann, war uns noch gar nicht feierlich zumute. Still schauten wir der untergehenden Sonne zu, knieten uns danach auf dem Waldboden nieder und bekannten dem Herrn unsere Gefühle. Soweit ich mich erinnern kann, konnten wir nicht einmal mehr für dieses Haus danken. Doch durch das Gebet fühlten wir uns in Gottes Armen geborgen und verstanden. So konnten wir bald gut einschlafen. Könnt ihr euch noch an den Traum am Anfang dieses Kapitels erinnern? In dieser Nacht träumte ich noch einmal von dem eigentümlichen Häuschen und der seltsamen Versteigerung. Zu meinem Erstaunen musste ich erkennen, dass es ja unser Waldhaus war! Warum ist uns das nicht eher aufgefallen? Aufgeregt erzählte ich am nächsten Morgen Sebastian davon und wir riefen uns gemeinsam die Einzelheiten ins Gedächtnis zurück. Es war genauso wie im Traum! Die Stube bestand aus zwei Zimmern mit einem Durchbruch und einem großen braunen Kachelofen. Heute steht sogar unsere Ofenbank an der im Traum erwähnten Stelle, obwohl wir damals noch gar keine besaßen und diese Bank uns zu einem anderen Zweck geschenkt wurde, den wir aber nicht gerade praktisch fanden. Die Fenster waren wirklich riesig und die schweren Rollos waren bei unserer ersten Besichtigung unten. Sebastian hatte sie bereits repariert. Die Räume waren sehr hoch und die Zimmer, die ich im Traum gesehen habe, dunkelbraun tapeziert. Mitten im vorderen Teil der Stube stand tatsächlich ein alter wackliger brauner Tisch mit grünen Stühlen drum herum. Unser Hof ist in der feuchten Jahreszeit schlammig und den Weg muss man erst einmal finden. Die Gemeinsamkeiten waren einfach verblüffend. Sogar die Fünf-Minuten-Entscheidung mussten wir erleben, wenn auch etwas anders. Auch die Reaktionen der Eltern entsprachen dem Traum. Wir nahmen es ihnen nicht übel, wir konnten sie ja verstehen, auch wenn es uns manchmal wehtat. Und tatsächlich haben wir dieses Haus bei eBay gefunden! Ihr könnt euch kaum vorstellen, welch ein Trost dieser Traum für uns war. Er kam direkt aus dem Himmel! Nun konnten wir dankbaren Herzens Sabbat feiern. Vergiss es, es war nur ein Traum! – Ja, wir vergaßen diesen Traum, doch Gott führte uns so, genau nach seinem Plan. Er wusste, wie schwierig dieser Schritt für uns war, darum schenkte er uns in seiner Güte so viele Hinweise, Versprechen und Zeichen. Wie warb er hier um unser Vertrauen! Ihm war wirklich daran gelegen, uns zu diesem Schritt zu bewegen, weil er wusste, dass es dass Beste für uns war. Obwohl es für uns Menschen mit unserem begrenzten Verstand so aussah, als wäre es ein unverantwortliches Wagnis, war es doch in Wirklichkeit die beste und sicherste Entscheidung. Wenn man im Nachhinein darüber nachdenkt, merkt man, wie schwierig es Gott manchmal mit uns Menschen hat, da wir oft nicht bereit sind, einfach vorbehaltlos zu vertrauen. Bereiten wir damit unserem Gott, der uns so herzlich liebt und nur das Beste für uns will, nicht Kummer? Ich seufze bei diesem Gedanken, denn ich kann mir die traurigen und zugleich liebevollen Augen meines Heilandes vorstellen. Das vertieft meine Liebe zu ihm und motiviert mich, ihm rückhaltlos zu vertrauen und meinen Verstand nur so zu gebrauchen, wie es angebracht ist.
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