Fünftes KapitelHerr, was willst du, dass ich tun soll?Vertrauen zerbricht nicht, wenn Gott schweigt
Anfang September im Jahre 2005 bezogen wir unser Waldhaus. Die Schwierigkeiten des Kaufes waren verdaut und wir freuten uns über den Umzug. Nun wohnen wir hier inmitten der schönen Annaburger Heide. Frische Kiefernwaldluft, klarer Sternenhimmel und herrlicher Vogelgesang umgeben uns täglich. Rehe, Hasen und Wildschweine sind unsere nächsten Nachbarn. Viele seltene Vögel und Insekten konnten wir hier schon bewundern. Und wir konnten den Kuckuckspaaren beim Versteckspiel zuschauen und uns darüber amüsieren. Sie spielen tatsächlich wie die kleinen Kinder „Kuckuck-da“. Es ist so schön für Seele und Geist, von den Schöpfungswerken unseres Meisters umgeben zu sein. Aber nun mussten wir erst einmal hart arbeiten und noch im späten Herbst Feuerholz mühevoll aus dem Wald holen, unser Häuschen winterfest machen und es uns notdürftig ein wenig wohnlich machen. Obwohl hier alles primitiv und sehr einfach ist, waren wir glücklich. Besonders schön fanden wir es, dass wir nun wie ein kleiner Familienbetrieb zusammenarbeiten konnten. Jeder hatte seine Aufgaben und alle waren eingebunden. Am meisten machte uns das Holz holen, sägen, hacken und stapeln Spaß. Selbst unser Jüngster half beim Holzstapeln, obwohl er erst ein Jahr alt war. So genossen wir die Ruhe, die Freiheit und die Einsamkeit. Dabei konnten wir erst einmal innerlich auftanken, zur Ruhe kommen und unsere Familie neu nach Gottes Plan strukturieren. Bald stellten wir aber fest, dass wir hier noch eine Menge für unser geistliches Leben lernen sollten. Die Einsamkeit ist wirklich ein guter Lehrmeister. Wir haben hier nur uns und Gott. Es war anfangs schon ungewohnt, keine Nachbarn mehr zu sehen. Uns ist aufgefallen, wie oft unsere Gedanken sonst mit ihnen beschäftigt waren, und wenn es nur ein kleiner Blick in den nächsten Garten war. Wie gerne spricht man doch gewöhnlich mit anderen, erst recht, wenn es Probleme gibt. Doch hier sehen wir nur Bäume. Und der Himmel über uns ist uns zum Gleichnis geworden, dass wir alles mit Gott besprechen sollten. Daran mussten wir uns erst einmal gewöhnen. Selbst ein Telefon hatten wir die erste Zeit nicht. Jetzt haben wir zwar ein Handy, aber der Empfang ist im Wald natürlich schlecht. Manchmal, wenn es stürmt und schneit, oder der Wald in dichten Nebel gehüllt ist, haben wir bis zu einer Woche keinen Empfang. Da lernt man mit Gott zu sprechen, das könnt ihr euch sicherlich vorstellen. Ja, Gott hat uns in die Einsamkeit geführt, und er hatte uns bald alles genommen, was uns den Zutritt in die Zivilisation möglich machte. Kaum zwei Monate nach dem Umzug ging unser Auto kaputt, eine Reparatur lohnte sich nicht. So verbrachten wir ganze sieben Monate ohne Auto. Nie konnten wir uns vorher vorstellen, einen ganzen langen Winter ohne Auto so weit weg von allem auszukommen, doch es ging. Trotz mancher Schwierigkeiten waren wir dankbar für diese besondere Zeit. Wir mussten oft darüber nachdenken, wie Gott solche großen Gottesmänner wie Johannes den Täufer, Mose oder Paulus für ihren Dienst vorbereitete: Er führte sie in die Wildnis. Dort lernten sie ihren großen Gott erst so richtig kennen und verstehen, dort in der Stille offenbarte er sich ihnen. Wenn schon diese Glaubenshelden eine Zeit der Ruhe und Einsamkeit in der Wildnis brauchten, wie viel nötiger hatten wir sie dann. So merkten wir, dass Gott schon keine Fehler machen wird, wenn er uns die Einsamkeit des Waldes so richtig spüren und erfahren lässt. So schön diese Zeit auch war, ein dichter Nebel überschattete uns, der nach und nach in dicke dunkle Wolken überging und uns sehr belastete. Das war die Suche nach Arbeit. Gott hat es tatsächlich so geführt, dass Sebastian arbeitslos blieb, so sehr er sich auch um Arbeit bemühte. Die Sucherei fraß viel Zeit und Nerven. Oft war Sebastian bedrückt von der Tatsache, dass er als Familienvater seine Familie nicht ernähren konnte und auf staatliche Mittel angewiesen war. Natürlich stand ihm das Arbeitslosengeld zu, er hatte ja vorher eingezahlt, doch sollte es immer so weitergehen? Das wollte er nicht. So stürzte er sich noch eifriger in die Suche – ohne Erfolg. Was ihn aber am meisten belastete, war die Feststellung, dass er unmöglich voll arbeiten gehen konnte, da er keine Zeit dazu hatte. Unser Lebensstil hier draußen erfordert einfach viel Mühe und Zeit. Unmengen von Holz müssen gefällt, gesägt, gehackt und gestapelt werden, damit wir im Winter heizen können. Außerdem wollten wir einen großen Garten anlegen und unser Gemüse selber anbauen, um wirklich gutes Gemüse zu haben und Geld zu sparen. Dazu brauchen wir einfach die Kraft eines Mannes. Und es war uns sehr wichtig, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Nein, wir wollten nicht jahrelang faulenzen und Urlaub machen, sondern einfach mehr Zeit für unsere Jungs einplanen und ihre Erziehung und Bildung bewusst selbst in die Hand nehmen. Das bedeutet, sie anzuleiten, gemeinsam zu arbeiten und auch Feierabend zu machen, um uns ihren Bedürfnissen zu widmen. Wie soll sonst das Vertrauen zueinander wachsen, wenn wir keinen Raum dafür schaffen? Außerdem hatte Gott uns mit dem Missionsauftrag hier an diesen Ort gestellt. Wie sollten wir auch noch diesen Dienst tun, wenn uns all die anderen Aufgaben schon überlasteten? All diese Umstände machten es einfach schwierig, voll arbeiten zu gehen, wenn denn jemals eine Stelle vergeben werden würde. So suchten wir nach Teilzeitjobs oder Heimarbeit, aber es ließ sich einfach nichts Sinnvolles finden. So manches Mal war Sebastian bedrückt und fragte sich, was Gott wohl mit uns vorhabe. Wir dachten auch immer wieder über den Ruf zur Missionsarbeit nach und wollten einfach wissen, was denn unsere Aufgabe sei. Vielleicht würde uns dann die Sache mit der Arbeit deutlicher werden. Auf jeden Fall wollten wir hier unsere Bestimmung erfüllen, denn wir waren immer noch dankbar und erstaunt, wie Gott uns gerade hier an diesen Platz gestellt hat. Nun wollten wir ihn nicht enttäuschen, sondern unter seinen segnenden Armen bleiben. So kreisten unsere Gedanken oft um die Themen Mission und Arbeit für den Lebensunterhalt, Lebensstil und Zeit. Wie sollten wir alles miteinander vereinbaren? Und was wollten wir tun? Gott schwieg. Natürlich erhörte er unsere ernstlichen Gebete, aber zu seiner Zeit. Um die Weihnachtszeit machte er uns auf unsere musikalischen Fähigkeiten aufmerksam und zeigte uns, wie wir sie missionarisch nutzen konnten, indem wir kleine geistliche Konzerte gaben. Das ist eine sehr schöne Aufgabe, die wir hin und wieder wahrnehmen. Dann führte uns der Herr dazu, unser Augenmerk auf die schriftliche Arbeit zu lenken. Da wir so einsam mitten im Wald und noch dazu im militärischen Sperrgebiet der Bundeswehr wohnen und mit unseren drei keinen Kindern nicht so mobil sind, war das auch die einzige sinnvolle Lösung. Gern hätten wir die Menschen in unserer Umgebung durch Bibelstudienbriefe betreut. Das war aber gar nicht so einfach, da diese Arbeit organisationsgebunden ist und nicht einfach jeder mitmachen kann. So sollte das auch nicht unsere Aufgabe sein. Doch der Gedanke von Bibellehrbriefen ließ uns nicht los. Wir beschäftigten uns dann interessehalber mit verschiedenen Kursen, analysierten Aufbau, Schwerpunkt und theologisches Grundverständnis sowie die praktische Einsatzfähigkeit bei Menschen, die keinerlei Grundverständnis vom Christentum haben. Da machten wir eine interessante Entdeckung. Alle Kurse sind nach ein und demselben Schema verfasst. Überall versucht man als erstes die Glaubwürdigkeit der Bibel und die Existenz Gottes zu beweisen, danach widmet man sich einem Lehrpunkt nach dem anderen und möchte die Leser von dessen Richtigkeit überzeugen. Das ist alles gut, aber nach solch einem Kurs wissen die Menschen vieles über Gott und die Bibel, haben jedoch kaum eine biblische Geschichte gelesen, noch wissen sie all das Gelernte in den Alltag umzusetzen. Aber gerade das empfanden wir als wichtig. Doch wo gab es solch ein Material? Wir fanden nichts. Begleitet von viel Gebet dämmerte uns langsam, dass das unsere Aufgabe sei. Selber schreiben? – Das war das Letzte, was wir tun wollten. Außerdem fühlten wir uns dieser Aufgabe überhaupt nicht gewachsen. Schreiben war noch nie so richtig unser Ding gewesen und wir taten uns anfangs schwer damit. Doch was soll’s? Nun wussten wir endlich unseren Auftrag, da wollten wir ihn dankbar annehmen und voller Eifer tun. Doch manchmal schien uns das Weltende und das Kommen unseres Heilandes näher vor der Tür, als wir unsere Arbeit überhaupt schaffen könnten. Würde bei drei kleinen Kindern, dem Garten und dem Bau genügend Zeit täglich übrig bleiben? Doch wir durften erfahren, wie Gott trotz mancher Anfechtung Gnade schenkt. So schrieben und arbeiteten wir, ohne zu wissen, wer sich überhaupt für solch ein Missionsmaterial interessiert und wollten uns wie einst Nehemia beim Bau der Mauer von Nichts abbringen lassen. Die ersten Monate klappte das vorzüglich. Wir verteilten die Aufgaben im Haushalt so, dass genügend Zeit zum Schreiben reserviert blieb. Es war ja auch Winter, wo man eh nichts groß draußen machen konnte. Aber sobald der Frühling kam, blieb uns keine Zeit mehr zum Schreiben. Ich wollte zwar so gerne, aber mein Mann überschüttete mich nahezu mit Aufgaben, so dass das Schreiben bald nur noch ein Traum war. Jetzt beschäftigten uns andere Sorgen: Garten, Holz, Autosuche und –kauf und die nervenaufreibende Suche nach Arbeit. Die Tatsache, dass man als Arbeitsloser nicht einmal Zeit hatte, all diese Aufgaben zu bewältigen, quälte uns regelrecht. Wie sollte es nur werden, wenn Sebastian wieder arbeiten würde? Die Zukunft sah nicht gerade hoffnungsvoll aus. Sebastian wollte unbedingt Arbeit finden, um seine Familie zu ernähren, es bliebe dann aber keine Zeit mehr für die Familie, den Missionsauftrag und all die Arbeiten in Garten und Wald. Diese Tatsache machte uns der Herr erst so richtig deutlich, als mein Mann nun endlich eine Vollzeitstelle angeboten bekam. „Herr, was willst du, dass wir tun sollen?“ – das war unser tägliches Gebet. Sollten wir diese Arbeit annehmen oder nicht? Da der Verdienst weit unter dem Arbeitslosengeld lag (und das als Informatiker!), durften wir noch so fragen. Liebend gern wollten wir wieder von unserer eigenen Hände Werk leben. Das würde aber bedeuten, dass wir all die anderen Anforderungen aufgeben müssten. Das wollten wir auf keinen Fall, wozu sind wir denn hierher gezogen? Doch nicht, um das gleiche Leben wie vorher zu führen. Hatte er uns nicht zum Dienst berufen? Aber wie sollten wir alles miteinander in Einklang bringen? Wir beteten – Gott schwieg. Nun, ohne Gottes Zustimmung wollten wir die neue Arbeit nicht beginnen, zumal dann unser eigentlicher Auftrag gefährdet wäre und wir von dem Verdienst nicht leben konnten. So besprach mein Mann mit der Firma noch einmal die Bedingungen, die er auch in seine Bewerbung geschrieben hatte. Lange versuchte man einen Konsens zu finden, da sie Sebastians Fähigkeiten und Leistungen schätzten. Nebenbei suchten sie weiter, vielleicht würde sich ja noch jemand mit diesen Qualifikationen finden, der auch Vollzeit arbeiten würde. Vier Monate später, nur zwei Tage vor Arbeitsbeginn, sagten sie Sebastian ab. Einerseits waren wir dankbar dafür, andererseits vertiefte sich die große Frage: Wie geht’s weiter? Unser Gott schwieg immer noch. Der heiße Sommer mit seinen quälenden Fragen ging dem Ende zu – unser Arbeitslosengeld auch. Bald würden wir Hartz IV bekommen. Dagegen sträubte sich unser Innerstes. Wir wollten unseren Lebensunterhalt selbst verdienen können, ohne die Mission vernachlässigen zu müssen. Sebastians Suche wurde immer eifriger, zum Schreiben hatten wir schon lange keine Zeit mehr. Und dann griff Gott ganz deutlich ein. Sebastian wurde nahe gelegt, dass er bei der angespannten Arbeitsmarktsituation keine Aussicht auf Arbeit hätte, wenn er nicht voll und ganz für sie leben würde und dorthin ziehen würde, wo es Arbeit gibt. Genau an diesem Tag erreichte uns aber auch die erste Anfrage nach unserem Bibelstudienmaterial, es wurde sogar dringend gebraucht. Leider konnten wir außer den ersten Versuchen nichts, wirklich nichts vorlegen. Das beschämte uns! So langsam begriffen wir, dass wir nicht zwei Herren dienen konnten. Dieser Gedanke war neu und befremdend. Doch in den nächsten Tagen stellte uns Gott immer wieder Menschen in den Weg, die starkes Interesse an unseren Bibelstudien hatten und denen wir leider noch nicht weiter helfen konnten. Der Gedanke, Gott Vollzeit zu dienen, begann zu reifen. Die ganze Sache hatte nur einen Haken: die Finanzen. Wir könnten zwar bei äußerster Sparsamkeit unseren Lebensunterhalt und die Ausgaben für unseren Dienst finanzieren, aber niemals die Mietkaufraten. Das war ein echtes Problem! Was sollte Herr K. von uns und unserem großen Gott denken, wenn wir nicht mehr zahlen könnten? Wartete er schon darauf, dass er das Haus schön aufgeräumt und renoviert wiederbekam? Laut Vertrag müsste er uns nicht einmal dafür entschädigen. Uns graute vor dem Gedanken, ausziehen zu müssen. Doch am allermeisten fürchteten wir Herrn K’s. Spott, welcher reinste Gotteslästerung ist! Muss Gott denn wirklich wegen uns in Verruf kommen? So fiel es uns nicht leicht, diesen Schritt zu wagen. Unser liebender Gott und Vater wusste darum. Er verstand unsere Zurückhaltung gut und schenkte uns in seinem Wort so zahlreiche Ermutigungen und Versprechen, dass wir einfach nur erstaunt waren. Nun wussten wir, was wir zu tun hatten. Doch wir schoben diesen Schritt einige Tage vor uns hin. Schließlich mussten wir uns vom Arbeitsamt abmelden, da wir ja nun nicht mehr arbeitsuchend waren. Das würde rein verstandesmäßig unseren finanziellen Zusammenbruch bedeuteten. Schritte im Vertrauen – wie sind sie manchmal so schwer, da sie gegen unsere Vernunft sprechen. Gott hatte nun schon einige Tage Geduld und ermutigte uns in solch liebender Weise, aber jetzt musste er uns sanft tadeln! Während der nächsten Andacht lasen wir die Worte aus dem Propheten Jesaja:
Warum war kein Mensch da, als ich kam,
Jesaja 50,2 Diese Worte wirkten. Wir verhandelten die letzten Tage mit Gott wie einst Mose am brennenden Busch. Nun musste er uns genauso tadeln! Unsere ersten Einwände entsprangen einem demütigen Herzen, doch nachdem uns Gott so viele Zusicherungen und Versprechen gegeben hatte, waren sie wahrer Unglaube, schön getarnt mit menschlicher Vernunft. Nun entschieden wir uns wieder, zu glauben. Wir setzten den nächsten Schritt im Vertrauen – einen entscheidenden Schritt. Erstaunlicherweise fiel uns dieser Schritt nun nicht mehr schwer, wir hatten keine Angst vor der Zukunft, kein banges Gefühl oder Herzklopfen. Im Gegenteil, wir waren glücklich, einfach glücklich! Freude und Frieden erfüllten unsere Herzen. Sebastian war wie umgewandelt. Seit dieser Entscheidung war er nicht einmal mehr deprimiert oder entmutigt. Vertrauen in Gottes Wege wuchs. Ein neues Kapitel in unserem Leben begann. „Herr, was willst du, dass ich tun soll?“ – diese Frage bewegt immer wieder aufrichtige Menschen. Und dann kann es sein, dass man Nichts vernimmt, nur das Schweigen Gottes. Sei nicht entmutigt, verzweifle nicht! Gott ist dir näher als du denkst! Er hat ein Herz voller Liebe – für dich. Sein Schweigen möchte auch dich inmitten dieser nervenaufreibenden Situation zur Ruhe, ja zum Schweigen bringen. Es ist eine Gelegenheit, dein Herz zu erforschen und dich auf eine tiefe Begegnung mit ihm vorzubereiten. Werde einfach still vor ihm. Vertraue ihm wie einem lieben Freund. Bist du wirklich bereit, aus Liebe zu ihm alles zu tun, worum er dich bitten wird? Warte nur, bald wird er zu dir sprechen!
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