Zweites KapitelAuf der SucheWo Vertrauen wächst, ändern sich Wertvorstellungen und Prioritäten
Nach der Hochzeit fanden wir unser erstes gemeinsames Heim in einer Stadtrandsiedlung bei Dresden. Mein Mann studierte noch, ich arbeitete ziemlich hart freiberuflich – alles lief in geordneten Bahnen, zumindest äußerlich. Völlig überfordert von all den neuen Anforderungen, müssen wir gestehen, dass unsere ersten drei Monate Ehe nicht gerade glücklich waren. Mein berufliches Arbeitspensum zehrte sehr an meinen Kräften und der Druck, unsere kleine Familie allein zu ernähren, belastete mich. Währendessen war Sebastian meistens zu Hause, baute unser kleines Heim oder saß an den Diplomvorbereitungen. Leider konnte er mich in den Haushaltspflichten nicht auch noch entlasten. Und weil mein Mann so arg anspruchslos war, fand ich unser Zuhause abends nicht nur voller Bauschutt, sondern auch kalt vor. Welch eine Begrüßung, wenn man sich nach Liebe und Wärme sehnt! Ja, ich sehnte mich nach Verständnis und Geborgenheit, doch Sebastian konnte mir unter diesen Umständen nicht geben, was ich mir wünschte. Ausgelaugt, verletzt und frustriert malte ich mir dummerweise aus, wie mein Mann eigentlich sein müsste. Durch diese Wunschvorstellungen vermochte ich ihn nicht mehr uneingeschränkt zu lieben. Und Sebastian zog sich von mir zurück, weil er sich nicht geliebt fühlte. Wir sehnten uns nach tragfähiger Liebe, wussten aber nicht, wie wir das in unserer so jungen Ehe erreichen konnten. Und in dieser Situation griff Gott wieder gewaltig ein. Er hielt uns weder eine Predigt noch ein Eheseminar, sondern er ließ in unseren Herzen einfach viele Fragen aufkommen. Sie hatten eigentlich überhaupt nichts mit unserer ehelichen Situation zu tun, und dennoch waren es keine Kleinigkeiten, die man so einfach vom Tisch wischen konnte, sondern schienen für uns von grundlegender Bedeutung zu sein. Was machte Gott da? Als wir diesen Fragen nachgingen, verloren wir unwillkürlich unsere Wunschvorstellungen und die Fehler des Partners aus den Augen. Unsere Gedanken hatten nun ein neues Ziel, eine andere Ausrichtung: wir dachten über göttliche Dinge nach. Nun konnten wir endlich produktiv zusammenarbeiten – sowohl miteinander als auch mit Gott. Wirkt Gott nicht großartig? Die eigentlich Frage, die uns bewegte, lautete: Warum sind wir Christen? Reicht es, einfach nach den Lehren der Schrift zu leben? Und setzen wir das im praktischen Leben wirklich um? Oder fehlt uns noch etwas? Bei der Partnerwahl haben wir intuitiv gespürt, dass es im christlichen Glauben noch mehr gibt. Wir haben erfahren, dass es Gott wirklich an uns gelegen ist und wir haben Vertrauen zu ihm gefasst. Doch wie geht es nun weiter? Wir wollten diesen Fragen allen Ernstes nachgehen. Wir hatten Sehnsucht nach mehr – wonach, wussten wir nicht genau, wir konnten es nicht in Worte fassen. So beschlossen wir, alles was uns gepredigt wurde, alle Traditionen und unser praktisches Leben am Wort Gottes zu prüfen. Und unser Bibelstudium brachte so manche Überraschung mit sich. Nebenbei beschäftigten wir uns noch mit Kirchengeschichte und mit der Entstehung unserer Konfession. Wir wollten einfach wissen, wie unsere Freikirche entstanden ist und ob wirklich alles auf festem biblischen Grund steht. Dieses Studium war spannend und tat uns einfach gut, gerade in unserer angespannten Ehesituation. Je mehr wir uns mit der Bibel beschäftigten, umso praktischer wurde sie für uns. Wir entdeckten tatsächlich Angebote zur Stressbewältigung und zum Umgang mit unseren Gefühlen, besonders wenn wir verletzt wurden oder wenn die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit nicht ausreichend beantwortet wurde. Das war doch genau das Richtige! Außerdem entdeckten wir, dass Gott uns von negativen Gefühlen und unangebrachten Motiven befreien wollte und es auch tatsächlich konnte. Er konnte auch falsche Denk- und Verhaltensmuster erkennen und einfach völlig umformen. Und er vermochte alles zu ändern, was uns bisher durch Erziehung und Umfeld geprägt hat. Das war erstaunlich! Nun erlebte unsere Ehe einen richtigen Aufschwung! Die Vergangenheit war überwunden. Jesus ist wirklich der beste Psychologe, den es überhaupt gibt. Wir waren auf der Suche und wir fanden, was wir brauchten. Wir fanden einen Gott, der real und lebensnah im Alltag wirksam ist und uns bei der Bewältigung unserer Aufgaben wie auch im Umgang mit Stress und Verletzungen praktisch hilft. Wir fanden Gott und waren erstaunt über seine Liebe zu uns. Er wurde ein sehr persönlicher Gott. Zugleich wurde uns ein Stück von seiner Größe und Heiligkeit bewusst. Das ließ uns nicht unberührt. Bald bekamen wir auch eine andere Sicht von der Kindererziehung, stellten unsere Ernährung um, entrümpelten unsere Bücherregale von all der überflüssigen Literatur und führten so manche Reform in unserem Lebensstil durch. Es war schon erstaunlich, was wir alles entdeckten. Und es war für uns befreiend, all diese Dinge im Alltag umzusetzen. Dabei fühlten wir uns glücklich, denn wir waren an all diese Dinge nicht mehr gebunden. Wir versuchten einfach ein Leben zu führen, dass uns so wenig wie möglich von den wichtigsten Dingen unseres Lebens ablenkt und mieden alles, wovon wir überzeugt waren, dass es unserem Heiland nicht gefällt und mit seiner Heiligkeit unvereinbar war. Doch es gab ein Problem dabei. Wenn man so auf der Suche ist und sein Leben nach den neu gewonnenen Einsichten ordnet, was sehr richtig und wichtig ist, kann man sich in den Kleinigkeiten verzetteln und dabei den Blick für das Ganze verlieren. Vor dieser Falle waren auch wir nicht gefeit. Wir waren nun sehr eifrig dabei, unser Leben neu zu ordnen, besonders mein Mann. Leider steckte er mit seinem Eifer weder unsere Eltern und Geschwister, noch unsere Kirchgemeinde an. Da sich viele an unseren tieferen Glaubensüberzeugungen und dem nicht mehr so traditionellen Lebensstil rieben und angegriffen fühlten, gab es immer wieder viele Gespräche, die leider ungewollt in Diskussionen ausarteten. Sebastian redete viel davon und suchte zu überzeugen, aber erreichte das Gegenteil. Und wenn man erst einmal heftig diskutierte, dann war einfach nicht mehr ersichtlich, aus welchem Grund wir manche Reformen eingeführt haben. Immer wieder wurde das Augenmerk auf die Veränderungen gerichtet, nicht aber auf Christus, unserem Heiland und die Motive, die uns dazu bewegt haben. Nur er war doch der einzige Mittelpunkt und Sinn unseres Lebens. Doch warum verstand uns kaum einer? Warum rieben sich alle immer nur an unseren etwas anderen Sichtweisen und fühlten sich angegriffen, weil wir mit mancher unbegründeten Tradition gebrochen hatten? Hatten wir etwas falsch gemacht? Um allen unnötigen Missverständnissen und Verletzungen aus dem Weg zu gehen, zogen wir uns unwillkürlich etwas zurück. Unter uns waren wir glücklich, auch wenn es uns wehtat, die herzliche ungetrübte Beziehung zu Manchem verloren zu haben. War das der Preis für unsere Aufrichtigkeit? Wir liebten sie doch trotzdem! Unser Heiland wusste, wie sehr wir uns nach Menschen sehnten, die uns wirklich verstanden, darum begann gerade in dieser Zeit so manch wertvolle Freundschaft zu reifen. Nun lebten wir eine ganze Weile etwas zurückgezogener. In der Zwischenzeit wurden unsere Kinder schnell hintereinander geboren. Die Wochenenden verbrachten wir meistens unter uns. Das stärkte unsere familiären Beziehungen. Inmitten des ganzen Babystresses nahmen wir uns immer wieder Zeit, unseren Heiland besser zu verstehen. Wir beschäftigten uns oft mit seinem Leben und Wirken. Das prägte uns. Wir gewannen ihn immer lieber und ohne dass wir es bemerkten, legte er ein Stück von seinem Wesen in unsere Herzen. Ja, womit man sich beschäftigt, formt und prägt einen. Und so nach und nach heilten auch die getrübten Beziehungen wieder. Heute fragen wir uns so manches Mal, ob diese Zeit des Zurückgezogenseins wirklich nötig war. Damals hätten wir freiwillig darauf verzichtet. Wie gern wären wir weiter mitten im Trubel gewesen, hätten an vielen Veranstaltungen teilgenommen, geplant und organisiert, und hätten gern diesen herzlichen Kontakt zu allen gehabt. Doch im Nachhinein merken wir, dass diese Zeit auch ihren Sinn hatte: Gott sah damals unsere Aufrichtigkeit, unseren Eifer und kannte schon all die Schwierigkeiten, die uns nun sehr bald begegnen sollten (siehe nächstes Kapitel). Da nahm er uns einfach beiseite, formte unser Wesen und stärkte ganz enorm unsere Beziehung untereinander und zu ihm. Durch das intensive Bibelstudium bekamen wir ein viel tieferes Verständnis und begannen ein mündiges Christsein. Damit bereitete Gott uns gleichzeitig auf unseren Dienst vor, den wir heute tun dürfen. Kennst du das? Du lebst aufrichtig gemäß deiner Überzeugung, vielleicht schon Jahre lang, doch so langsam wird dir bewusst, dass das nicht alles ist. Du fühlst eine gewisse Leere. Und dann machst du dich mehr oder weniger bewusst auf die Suche nach einem erfüllten Leben. Solche Momente sind für Gott eine schöne Gelegenheit, sich vorzustellen und praktische Hilfe anzubieten, wo du sie am meisten brauchst. Und wenn du dich darauf einlässt, wirst du ihn mehr und mehr erkennen. Zuneigung und Vertrauen werden wachsen. Er ist bald kein ferner Gott mehr, sondern ein sehr persönlicher und vertrauter Gott. Doch je näher du diesen Gott kennen lernst, umso bewusster wird dir zugleich seine Größe und Allmacht, seine Heiligkeit und Reinheit. Das wird auch dich berühren. Du wirst dann wissen, was nicht in seine Gegenwart passt, was einer tiefen und dauerhaften Beziehung miteinander im Weg steht. Was es auch immer in deinem Leben sei – Entscheidungen stehen bevor. Gedanken werden hin und her bewegt. Liebgewordenes muss manchmal losgelassen werden. Die Zukunft scheint ungewiss, Zweifel tauchen auf. Ob deine Liebsten dich verstehen werden? Solche Zeiten sind nicht einfach. Sie können einen aufreiben und zermürben, wenn man den Schritt im Vertrauen nicht wagt – den Schritt, von dem man allmählich weiß, dass man ihn gehen sollte, es aber noch nicht ganz wahrhaben möchte. Der Heiland weiß um diese Kämpfe in unserem Herzen. Liebevoll wirbt er um dein Vertrauen. Nur an seiner Hand vermagst du solche Schritte zu gehen. Keine Schuld ist zu groß für ihn, dass er sie dir nicht abnehmen und dich davon befreien könnte. Und wirklich nichts in deinem Leben, auch keine Angewohnheit und Sucht ist für ihn unüberwindbar. Er möchte dich von allem befreien, was dich belastet und nicht gut tut. Magst du mit ihm kooperieren? Und vergiss es bitte nicht, dass es sich nicht um bloße Reformen handelt, sonst wirkst du wie wir damals hart und kalt auf deine Mitmenschen. Unnötige zwischenmenschliche Probleme sind somit vorprogrammiert. Was du aus Liebe zu deinem Gott auch tust, lass dich von ihm mit der nötigen Güte beschenken. Wir waren auf der Suche und es hat sich gelohnt, auch wenn wir in dieser Zeit noch nicht alles fanden. Es sind noch manche Jahre vergangen, in denen Gott immer wieder um Vertrauen warb. Und mit jedem Schritt lernten wir ihn tiefer und besser verstehen. Unsere Liebe wuchs, er wurde unser vertrauter Freund, bis er eines Tages unser Herz ganz eroberte. Und davon erzählen wir.
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