Und führe uns nicht in Versuchung …

Es war an einem Novembermorgen. Alles war still, die Kinder schliefen noch. Ich saß mit meiner Bibel in der Stube auf der Ofenbank am gemütlich warmen Kachelofen. Andachtszeit – wie liebe ich doch diese Zeit der Stille mit Gott. Es tut mir so gut, vor all den vielen Aufgaben des Tages innerlich aufzutanken und Kraft zu schöpfen. In diesen Zeiten möchte ich mein Herz ganz meinem Heiland weihen und alle meine Gedanken, Wünsche und Vorhaben seinem Willen unterstellen.

So saß ich also und dachte über das Gelesene nach. Dabei wanderte mein Blick aus dem Fenster, der prächtige Wald stand vor mir. Ich liebe diesen Blick über die kleine Lichtung zum Wald. Langsam fielen Schneeflocken zur Erde. Der erste Schnee! Wenn man wie ich im Erzgebirge aufgewachsen ist und Jahr für Jahr im Winterwald wohnen durfte, dann mag man einfach den Schnee. So war ich also freudig überrascht, diese weißen Flocken zu sehen.

Ich schaute den Flocken zu, und meine Gedanken wurden vom eigentlichen Thema meiner Andacht abgelenkt. Die Flocken faszinierten mich, sie wurden mir zum Gleichnis. Wie fielen sie doch so leicht und vorsichtig zur Erde, wie weich und kuschelig sahen sie aus! Es waren keine kleinen Flocken, sie waren groß und schwer. Und dennoch fielen sie so sacht aus den Wolken herab. Da musste ich an mich denken. Ach, wenn ich nur auch so zart und sacht sein könnte, mein Wesen so liebevoll, sanft und gütig. Und wenn mein Herz doch auch so weiß wie Schnee sein könnte, so rein und unverdorben. Auf einmal sehnte ich mich so sehr nach solch einem Charakter. Dieses Bild prägte sich mir tief ein. Im Gebet sagte ich alles meinem Heiland und bat ihn, mich an die Schneeflocken zu erinnern, wenn ich versucht sei, ungeduldig oder hart zu handeln. Denn ich wusste, wie schwer es mir fiel, wirklich immer gütig zu sein. Fast unmerklich übernimmt mein Ego doch oft wieder die Regierung und drängt Gott beiseite. So brauche ich diese Erinnerungen, um auf rechtem Kurs zu bleiben.

Es wurde Nachmittag. Gewöhnlich gehen wir als ganze Familie raus und erledigen verschiedene Arbeiten. Die Kinder helfen uns dabei. Und wenn es keine Aufgaben für solch kleine Kinder wie unsere gibt, spielen sie in unserer Nähe. An diesem Tag wollte Sebastian mit den Kindern weiter an der Futterkrippe für unsere Waldtiere bauen. Ich musste in den Garten gehen und den Mist noch auf den Beeten verteilen. Als ich mich jedoch mit einer Harke bewaffnete, rannten die Kinder auch in den Schuppen, um ihre Harken zu holen. Beim Papa gab es einfach keine Aufgaben mehr für sie. Das passte mir nun gar nicht! In Gedanken sah ich schon drei kleine Jungs, die mit stinkendem Mist über und über voll beschmiert waren, so dass man sie kaum noch erkennen könnte. Und die Vorstellung, all die ekeligen Sachen und Stiefel waschen zu müssen, war nicht gerade schön. Ich schickte sie kurzerhand zum Papa, worauf sie aber bald schon wieder voller Tatendrang bei mir waren. Gott sprach zu meinen Gedanken, doch einfach mit ihnen zusammen zu arbeiten. So tat ich es, aber widerwillig. Merken Sie, so ganz wollte ich meine eigenen Interessen nicht Gottes weisen Anordnungen unterordnen. Ich beruhigte mein mahnendes Gewissen damit, dass ich ja tue, was Gott will. Immerhin werde ich nun mit den Kindern im Mist arbeiten. Mehr Einmischungen Gottes wünsche ich nun wirklich nicht mehr.

So gab ich den Kindern ganz eng gesteckte Grenzen und forderte fast Unmögliches von ihnen, in der Hoffnung, dass sie bald aufgeben und spielen gehen würden. Doch meine Hoffnung erfüllte sich nicht. Selbst als ich ihnen in den schönsten Farben ausmalte, wie sie doch spielen gehen könnten, lenkten sie nicht ein, obwohl ich sie sonst immer gut motivieren konnte. Stattdessen gab es Tränen, weil sie es nicht schafften, Mamis Anforderungen gerecht zu werden. Sie gaben sich untereinander die Schuld dafür und fingen an zu streiten. Das hatte mir gerade noch gefehlt! Ich wollte sie gerade laut ausschimpfen, als plötzlich dicke Flocken sanft zur Erde fielen. Wie versteinert blieb ich stehen, ich wusste, die Flocken galten mir. Beschämt blickte ich zu Boden, ich konnte den Anblick der Flocken kaum ertragen. Welch ein Gegensatz war das: die zarten Flocken und meine harten, lieblosen und egozentrischen Gedanken, woraus so unfaire Taten geworden sind. So ist es, wenn man sich nicht völlig von Gott leiten lässt. Es ist nicht besser, als gar kein Christ zu sein. Traurig bat ich den Herrn um Vergebung.

Die Kinder waren unterdessen total begeistert von den Flocken. Aller Streit war vergessen. Freudig riefen sie mir zu, doch auch die Flocken anzuschauen und sie zu fangen. So freuten wir uns an dem Schnee! Bald darauf jedoch war kein Flöckchen mehr zu sehen. Es waren nur wenige Minuten, die es geschneit hatte, doch sie hatten eine große Wirkung. Sie erneuerten mein Bündnis mit Gott vom Morgen und beschützten die unschuldigen Kinder vor den harten Worten ihrer Mami. Gott ist treu, er nahm mich beim Wort und erinnerte mich an die Schneeflocken. Dankbar fielen mir die Worte unseres Heilandes ein „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen …“ Wie gern hätte er mich schon eher vor dem Bösen bewahrt.

Zurechtgewiesen und doch froh nahm ich die Arbeit mit den Kindern in Angriff. Ich staunte über ihre Ausdauer und Geschicklichkeit. Wir hatten unsere Freude und konnten oft ein Mäuschen aus dem Mist springen sehen. Nur unser Mittlerer wollte die Freude nicht mit uns teilen, ihn hatte ich schon zu sehr verletzt. Er zog sich zurück und spielte. Das war mir eine bittere Lehre. Wie oft verletzen wir die Herzen unserer Kinder, ohne es zu merken und zu wollen. Doch mit Gottes Hilfe kann sich das ändern.

Als wir dann nach getaner Arbeit ins Haus gingen, stellte ich erstaunt fest, dass die Sachen der Kinder gar nicht so schmutzig waren, wie ich befürchtet hatte. Durch den Frost war auch der Mist schon angefroren gewesen, was uns zwar die Arbeit erschwerte, aber Kleidung und Schuhe vor Gestank und Beschmutzung schützte. Gott ist so gut zu uns, er gibt uns nicht unnötig viele Schwierigkeiten, wenn wir seinen Worten folgen.