Sei nicht entmutigt, schau auf!

Es war noch in den ersten Wochen nach unserem Umzug. So deutlich wir auch den göttlichen Ruf in die Einsamkeit der Annaburger Heide vernahmen und so überwältigend Gott alle Ereignisse bis zu unserem Umzug gelenkt hatte, gab es doch bald große Not.

Trotz intensiver Bemühungen blieb unser Papa arbeitslos. Das drückte ihn schwer. Viele Bewerbungen mussten geschrieben werden, aber es schien ihm nicht zu glücken. Es war so schwer, die richtigen Formulierungen zu finden und noch schwerer, Adressen von Firmen. Hier gab es einfach nichts, wo man sich bewerben konnte. Und außerdem: eigentlich hatte Papa überhaupt keine Zeit, ewig lange an Bewerbungen zu sitzen, denn vor dem herannahenden Winter musste er noch Feuerholz aus dem Wald holen und hacken. Doch dazu kam er vor lauter Schreiberei fast nicht. Und dann gab es ständig irgendetwas an dem alten Häuschen zu reparieren. Wie sollte er allen Anforderungen gerecht werden? So war er resigniert und unglücklich. Hatte Gott uns vergessen? Wusste er nicht, dass wir Zeit zum Holz machen brauchen, um im Winter nicht frieren zu müssen? Und wusste er nicht, dass wir Arbeit brauchen, um unseren Lebensunterhalt verdienen zu können?

Und dann kam es noch schlimmer: das Geld wurde sehr, sehr knapp. Eine Mietkaufrate war zurückgelegt, im Portemonnaie befand sich nur noch ein wenig Kleingeld. Die Lebensmittelvorräte würden vielleicht noch ein bis zwei Wochen reichen. Aber was wäre dann? Wie es so manchmal im Leben ist, kommen alle Krisen auf einmal. Gerade zu dieser Zeit empfingen wir auch keinerlei staatliche Mittel. Das Arbeitslosengeld wurde für ein Vierteljahr gestrichen, da mit dem Umzug die Arbeitslosigkeit selbst verschuldet war. Und Kindergeld gab es für geraume Zeit auch nicht, da bei den Behörden gerade einiges umstrukturiert wurde und ein Umzug in ein anderes Bundesland auch mögliche Verzögerung mit sich bringt. Es war also überhaupt nicht absehbar, bald auch nur irgendetwas überwiesen zu bekommen. So hatte Papa große Sorgen und stellte sich vor, wie seine Familie in drei Monaten das Haus wieder verlassen müsste, da der Kaufvertrag dann gebrochen wäre. Wie düster und schrecklich war diese Vorstellung. „Wann greift Gott endlich ein und hilft uns?“, das waren so fast die einzigen Worte, die man in diesen drei Tagen von Papa hörte.

Ich versuchte, ihn zu ermutigen und sang ihm glaubensstärkende Lieder vor. Wir lasen sogar gemeinsam aus der Bibel so schöne hoffnungsvolle Worte, aber alles schien vergebens zu sein. Papa war resigniert und überfordert von all der Arbeit, die mit dem Feuerholz, im Garten und am Haus getan werden müsste, bevor der Winter kommt.

Mit der Zeit fühlte ich mich verletzt und meinte, auch guten Grund dazu zu haben. Da versuchte ich, meinem Mann zu helfen, aber alles war so sinnlos. Dazu kam, dass ich mit der Arbeit mehr oder weniger allein dastand. Früh musste ich heizen, dann die Kinder machen, Essen kochen, den Abwasch, Brot backen, Wäsche waschen, bügeln und aufräumen, den Garten abernten und alles einkochen bzw. verarbeiten, den Garten auskrauten, Erdbeeren einpflanzen, Samen ziehen usw., und immer wieder drei Kleinkinder dazwischen. Wenn ich wenigstens gesund und kräftig gewesen wäre, wäre ja alles nur halb so schlimm. Doch ich kämpfte immer noch mit einer Schwermetallvergiftung und fühlte mich elend.

So stiegen in mir ärgerliche Gedanken gegen Sebastian auf. Musste er sich wirklich so von den Sorgen runterdrücken lassen? Konnte er mir nicht einmal unter die Arme greifen? Ja, ich hatte Grund genug, ärgerlich zu sein, böse Gedanken gegen ihn zu hegen und verletzt zu sein – so meinte ich jedenfalls. Stutzig wurde ich erst, als ich merkte, dass mir diese Emotionen kein bisschen weiterhalfen. Sie waren einfach nicht lösungsorientiert. Hatte ich etwa doch kein Recht, solche Gefühle zu hegen? Ich begann nachzudenken.

Dabei wurde mir klar, dass weder ich noch Sebastian momentan wirklich in Übereinstimmung mit Gottes Willen lebten. Wir waren ja beide nicht bereit, unsere Sorgen, Gedanken und Gefühle völlig unserem Heiland abzugeben und ihm kindlich zu vertrauen. Hatte Gott denn überhaupt eine Chance, uns zu helfen, wenn wir so eigensinnig und egoistisch waren? So sprachen wir beide miteinander darüber. Dieser Sachverhalt leuchtete uns ein, und wir wussten um unsere Fehler. Doch es fiel uns gar nicht so leicht, Sorgen, Bitterkeit und verletzte Gefühle, so berechtigt sie auch schienen, nicht weiter zu nähren und zu pflegen, sondern sie einfach loszulassen. Dazu mussten wir uns bewusst entscheiden.

Ich spürte, wie Gott mich dazu ermutigte, Papa doch wieder herzlich zu lieben. Aber das konnte ich nicht so einfach, er benahm sich ja nicht gerade liebenswürdig. Da fiel mir ein, dass Gott doch in seinem Wort versprochen hat, uns Liebe zu schenken, wenn wir sie brauchen. So betete ich darum. Gott ist gut, er hält seine Versprechen. Endlich wurde ich innerlich ruhig und konnte meinen Mann echt liebhaben. Selbstlos betete ich auch für ihn, dass Gott ihm wieder Zuversicht schenken möge. An diesem Abend konnte ich glücklich ins Bett gehen.

Der nächste Tag kam. Ich wachte froh und zufrieden auf. Die Sonne ging strahlend über dem Wald auf. Es würde ein guter Tag werden. Doch dann erinnerte Gott mich daran, auf der Hut zu sein, denn es würde heute mehrere Situationen und Umstände geben, die mich leicht wieder entmutigen könnten. Ach ja, dachte ich, sicherlich in Bezug auf Papa. Er schlief natürlich noch, so musste ich wieder allein die Arbeit machen. Holz war auch nicht geholt worden, so war der Heizaufwand noch größer; dann Frühstück vorbereiten, Kinder holen usw. Das war hart. Alles in mir sehnte sich danach, schlechte Gedanken zu haben und in diesen Gefühlen zu baden. Innerlich schrie ich: „O Herr, hilf mir, du siehst, wie gemein das ist, ich möchte ärgerlich werden! Doch was nützt mir der Ärger im Bauch? Ich möchte glücklich sein! Ich habe dir doch versprochen, an deiner Hand durch den Tag zu gehen, und das meinte ich ernst. Entweder muss ich mich jetzt von dir losreißen und falle wieder in diese Sünde, die ich ja nicht mag, oder deine Kraft ist mächtig genug, mir diese Gefühle wegzunehmen und zu helfen“. Es war ein verzweifeltes Gebet, doch unser Gott erhörte es gern. Er schenkte mir wieder diesen inneren Frieden und Kraft genug, all die Aufgaben bewältigen zu können. Mehrmals noch musste ich an diesem Tag zu Gott um Hilfe rufen, und jedes Mal durfte ich seine Rettung erleben. Das war für mich eine echte Befreiung und ich konnte trotz widriger Umstände fröhlich sein.

Dann hat auch Papa den Durchbruch geschafft. Nun konnte die ganze Familie wieder glücklich und zufrieden sein. Wir hatten zwar nicht sehr viel, aber für die momentanen Bedürfnisse war gesorgt. Wir fühlten uns in Gott geborgen. Wir wussten, dass all die Entscheidungen der letzten Wochen und Monate richtig und von Gott geführt waren und nicht eigenen Ideen entsprangen. Oft genug haben wir ja alles hinterfragt und Gott im Gebet vorgelegt. Wenn Gott uns nun gerade hier an diesen Platz gestellt hat, so wird er uns auch versorgen – das wussten wir genau.

Es wurde Freitag; die Post brachte einen bunt beklebten Brief – ohne Absender und Poststempel. Schnell war der Umschlag geöffnet und wir fanden tröstende Worte, Bibelverse und 50 Euro, offensichtlich von einer Frau. Wie passend waren doch diese lieben Zeilen, und wie freuten wir uns über das Geld. Ich spielte auf der Flöte und die Kinder sprangen herum. Unsere Freude kannte keine Grenzen. Wir lobten Gott und waren überaus glücklich. Das Geld blieb noch ein Weilchen bei den lieben Zeilen im Briefumschlag.

Am Sonntagabend wollte Papa das Geld ins Portemonnaie tun und den Zehnten zurücklegen. Als er wieder in den bunten Briefumschlag griff, holte er einen ganzen Stapel 50 Euro-Scheine heraus. Ganz aufgeregt kam er damit zu mir. Wir zählten: Eins, zwei, drei, … am Ende waren es zehn Scheine. Wir schauten uns an, zitterten und fühlten uns wie vor dem Thron des Unendlichen und Allmächtigen. Wir waren beschämt. Vor vier Tagen noch waren wir niedergeschlagen bzw. ärgerlich. Wo waren da der Glaube und das Gottvertrauen? Gott hat uns vergeben, als wir ihn suchten. Und dann bewegte er ein Menschenherz, tröstende Worte zu schreiben und 50 Euro zu schenken. Er freute sich an unserem Glück und Lobgesang und schickte seine Engel, diese Gabe zu verzehnfachen. Welch tiefes Glück durchströmte unsere beschämten Herzen! Wir waren überwältigt und beteten Gott ehrfürchtig an.

So erlebten wir, dass Gottes Arm nicht zu kurz ist, uns zu helfen. Solange wir nach seinem Willen handeln, dürfen wir trotz Schwierigkeiten ruhig und vertrauensvoll auf seine Hilfe warten. Er wird helfen.


Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen:
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt von dem Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Psalm 121, 1.2