SchneeflockenEin Tag im März diesen Jahres ging zu Ende. Wie gewöhnlich versammelten wir uns als Familie zur Abendandacht um den wohlig warmen Kachelofen. Draußen war es kalt, der Wind blies um das Haus, und Schneeflocken wirbelten durch die Luft. Der harte Winter schien kein Ende zu nehmen. Umso gemütlicher hatten wir es auf der gepolsterten Ofenbank. Dankbaren Herzens konnten wir unserem Gott zum Klavier singen; ein Loblied nach dem anderen stimmten wir an. Wie schön sind diese Abendstunden! Nach dem Gesang wollte Papa uns eine Geschichte aus der Kinderbibel vorlesen, doch Simeon, der gerade aus dem Fenster schaute, wünschte sich eine Schneeflockenandacht. „Eine Schneeflockenandacht, was ist denn das?“ wollte Papa wissen. „Na da schauen wir alle aus dem Fenster und beobachten die Schneeflocken“, antwortete Simeon. „Und wir machen uns Gedanken darüber und können auch was lernen, vom Schnee und vom Heiland“, fügte Samuel hinzu. Papa schaute mich fragend an, ich lächelte ihm verständnisvoll zu. „Na dann muss wohl die Mami die Andacht heute leiten“, sagte er.
Die Kinder waren hoch erfreut. Von unserer Ofenbank aus kann man so richtig schön rausschauen. Wir dämpften noch ein wenig das Licht, so dass wir die Schneeflocken draußen besser sehen konnten. Es tat so richtig gut, gemütlich dazusitzen und dem Flockenwirbel zuzuschauen. Mal fielen die Flocken sanft und weich zur Erde, dann tanzten sie wieder in der Luft. Der Wind blies sie mal hierhin und dann wieder dorthin. Bald wirbelte er alles durcheinander, und schon wieder fielen die Flöckchen sacht zur Erde. Eine Zeitlang blieb es windstill. Wir betrachteten dieses Bild, bis Simeon das Schweigen brach und ein Gespräch einleitete, das sich etwa folgendermaßen anhörte: „Mami, ich möchte auch so wie ein Schneeflöckchen sein!“ „Wie meinst du das?“ wollte ich wissen. „Die Schneeflocken sind so weich und gar nicht so trotzig wie ich.“ Diese Antwort berührte mich sehr. „Und die Schneeflocken sind ganz weiß. Mein Herz soll auch ganz weiß sein und so schön und kuschelig“, erzählte Simeon weiter. „Und Mama“, fügte Samuel hinzu, „die Schneeflocken fallen ganz sacht runter, die sind wirklich ganz vorsichtig und sanft. Das können wir auch lernen. Wir wollen auch immer so liebevoll zueinander sein.“ „Mm, und die schubsen sich gar nicht, Mama“, stellte Simeon fest. So hatten wir ein sehr schönes Gespräch, was die Herzen der Kinder bewegte und ansprach. „Mama, warum fallen die Flocken überhaupt runter? Warum bleiben sie nicht im Himmel bei unserem Heiland?“ wollte Simeon wissen. „Na weil Gott ihnen sagt, dass sie runterfallen sollen“, entgegnete Samuel. „Die Schneeflocken sind nämlich gehorsam und machen immer das, was der Heiland sagt. Und wenn der Heiland die Sonne schickt und die Schneeflocken wieder ruft, dann gehen sie auch mit der Sonne mit, wieder in den Himmel zum Heiland.“ Nun gut, diese kindliche Erklärung ist für einen Drei- und Vierjährigen ausreichend, darum fügte ich nichts mehr hinzu. „Aber warum lässt der Heiland sie erst runterfallen, wenn er sie dann später wieder ruft?“ fragte Simeon weiter. „Na wegen den Samen und den Blumen“, erklärte Samuel weiter. „Wenn es so kalt draußen ist und immer so ein doller Frost ist, dann würden die Blumen und die Samen in der Erde ganz schön frieren, weil die keine warmen Wintersachen haben. Und darum kuschelt der Schnee sie so weich und sacht ein.“ Während wir so weiter aus dem Fenster schauten und unsere Gedanken darüber austauschten, kam ein Wind und blies die Flocken alle in eine Richtung. Bald drehte er sich, und die Schneeflöckchen flogen in die andere Richtung. Das ging immer so hin und her. „Was ist denn das?“ wollte Simeon wissen. „Die Flocken lassen sich vom Wind treiben“, antwortete ich. „Stimmt's Mami, die Schneeflocken dürfen sich nicht aussuchen, wo sie hinfallen wollen. Der Wind bestimmt das, und die Schneeflocken gehorchen einfach“, überlegte sich Samuel. „Nein, Gott bestimmt das, weil er den Wind schickt“, entgegnete Simeon. „Aber der Wind pustet die Schneeflocken dann irgendwo hin“, fügte Samuel noch hinzu. „Seht ihr den Wind?“ fragte ich. „Nein“, sagte Samuel. „Aber ich seh' den Wind, ich seh' doch die Bäume wackeln!“ entgegnete Simeon. „Aber das sind doch die Bäume und nicht der Wind“, erklärte Samuel. „Ich sehe nur, was der Wind alles anrichtet, aber den Wind selber sehe ich nicht.“ Samuels Antwort überraschte mich, er ist eben unser kleiner Denker. Doch nun übernahm ich das Gespräch. „Kinder, genauso ist das mit uns und dem Heiligen Geist. Wir sehen Gottes Geist nicht, so wie wir Gott nicht sehen, und doch ist er da. Er bewegt unsere Herzen, spricht zu unseren Gedanken und will uns führen. Wie Gott durch den Wind die Schneeflocken dorthin weht, wo er sie haben möchte, so möchte er uns durch seinen Geist auch führen und lenken. Wir dürfen uns genauso treiben lassen. Unser ganzes vermeintliches Recht auf Selbstbestimmung dürfen wir aufgeben und uns von Gottes Geist führen lassen. Das fällt uns Menschen nur so schwer, weil wir alles selber kontrollieren und in die Hand nehmen wollen. Wir haben einen sehr ausgeprägten Willen und wollen ihn gern erfüllt sehen. Uns ist es leider nicht egal, was Gott mit uns vorhat und wo er uns gebrauchen möchte. Manchmal scheint es uns auch zu ungewiss zu sein, was wohl auf uns warten wird, und wir wollen alles absichern. Darum sind wir oft nicht bereit, uns ganz einfach von Gott führen zu lassen und ihm zu vertrauen. Das macht uns jedoch nie so richtig froh. – Oh Kinder, das war ja eine kleine Predigt, viel zu schwer für kleine Kinderohren! Das könnt ihr doch noch gar nicht verstehen.“ endete ich. „Doch Mami, ich habe dich verstanden. Wir Kinder haben oft unseren eigenen Willen und wollen manchmal nicht so einfach tun, was ihr Eltern uns sagt, denn ihr seid ja wie Gottes Geist. Und manchmal merke ich auch schon, wie der Heiland zu meinen Gedanken spricht. Aber ich will das nicht immer machen, weil ich denke, dass das nicht so schön sein wird. Und dann bekomme ich einen Dickkopf und kann gar nicht so glücklich wie die Schneeflöckchen sein“, erzählte uns Samuel. „Mm, und dann ist unser Herz nicht so schön weiß“, ergänzte Simeon. Still schauten wir den Flocken noch ein Weilchen zu, um all das zu verarbeiten, was wir gerade für uns entdeckt haben. Und wenn wir in den nächsten Tagen Schneeflocken zur Erde fallen sahen, mussten wir an diese Schneeflockenandacht denken. |
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