Rote Ampeln
„Gott aber ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern er wird zugleich mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen, so dass ihr sie ertragen könnt.“ 1.Korinther 10,13 „Aber der Herr ist treu; er wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen.“ 2.Thessalonicher 3,3 „Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch; naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch!“ Jakobus 4,7.8 Es war zu der Zeit, als wir noch am Rande von Pirna wohnten. Pirna ist eine Stadt im Elbtal bei Dresden. Jeden Tag musste ich schon früh am Morgen nach Dresden zur Arbeit fahren. Ich fuhr zuerst mit dem Bus in die Stadt, ging zum Bahnhof, fuhr mit der Bahn weiter, machte dann einen Dauerlauf, um den Bus noch zu erreichen und flitzte letztendlich noch zur Straßenbahn. Es war nicht gerade ein gemütlicher Arbeitsweg, den Frühsport hatte ich also gratis. Doch am Morgen ging das alles noch, abends war ich dann geschafft von der langen Arbeit und der „Reisestress“ war einfach anstrengend und lästig. So manches Mal wünschte ich mir, doch gemütlich von einem Verkehrsmittel zum anderen laufen zu können, besonders in der Schwangerschaft. Doch das würde bedeuten, dass in Pirna kein Bus mehr in die Richtung unserer Siedlung fahren würde. Und etwa fünf Kilometer nach den Anstrengungen des Tages noch zu Fuß zu gehen, dazu bergauf, wollte ich dann doch nicht. Außerdem warteten zu Hause verschiedene Haushaltsaufgaben auf mich, die ich irgendwie noch erledigen musste, bevor ich müde und geschafft ins Bett sank, um nach wenigen Stunden wieder aufzustehen und von Neuem durch den Tag zu flitzen. Sie können sich sicher vorstellen, wie unruhig ich innerlich wurde, als sich der Feierabend näherte, und wie ich dann sofort losrannte, sobald alle Aufgaben übergeben worden waren. Ich hatte wirklich keine Zeit, die Verkehrsregeln zu beachten. Rote Ampeln ignorierte ich, zumindest in kleineren Straßen. Andere machten es ja ebenso. Es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen dort in Dresden so durch die Straßen hetzten, sicherlich hatten sie ähnliche Probleme wie ich. Mein einziges Ziel war, nur schnell nach Hause, kein einziges Verkehrsmittel verpassen. Doch eines Tages überführte mich mein Gewissen, dass es Unrecht sei, über rote Ampeln zu rennen, auch wenn ich zuvor „gut“ geschaut habe. Mit meinem werdenden Kind im Bauch, machte ich mir gerade Gedanken über Erziehungsmethoden. Ja, mit einem Kind würde ich so etwas Gewagtes nicht tun, ich wollte doch ein Vorbild sein. Doch jetzt fiel mir auf, dass die Fußgänger Dresdens nicht nur aus Erwachsenen bestanden. Könnte es etwa sein, dass ich diesen Kindern durch mein Verhalten vermittle, dass es ganz okay ist, bei Rot über die Straße zu rennen? Da entbrannte ein Kampf in meinem Herzen. Sie verstehen, was ich meine. Ich wollte unbedingt schnell nach Hause und den weiten Fußmarsch vermeiden, falls ich irgendeinen Bus oder eine Bahn verpassen sollte. Das Risiko war ohnehin schon groß genug. Andererseits folge ich gern der Stimme meines Gewissens, da ich schon zu oft erfahren habe, dass es gut so ist. Es könnte ja sein, dass Gott zu mir durch mein Gewissen gesprochen hat, und ihm wollte ich doch unbedingt gehorchen. Ja, es wurde mir ganz deutlich, dass es Sünde ist, rote Ampeln zu ignorieren. Nun sah ich mich vor einer Herausforderung. Ich habe ja gerade erst die oben abgedruckten Texte in meiner Bibel gefunden und wollte doch wirklich ausprobieren, ob sie auch stimmen. Doch der Preis dafür schien mir zu hoch. Ich wollte ohne Verzögerung nur schnell nach Hause. Während mir all diese Gedanken durch den Kopf gingen, konnte ich unmöglich einen Ausdauerlauf machen, so lief ich nur zügig. Bald kam ich an eine Ampel, sie war natürlich rot, während der Bus bei Grün über die Kreuzung fuhr. Ich konnte einfach nicht widerstehen und rannte hinterher. Ich schaffte zwar noch den Bus, doch war mir sehr mulmig zumute. Während der Busfahrt hatte ich Zeit zum Nachdenken. War die Versuchung wirklich so groß gewesen, dass ich sündigen musste? Nein, eigentlich nicht. Ich hatte mich nur schon entschieden und Gottes Variante gar nicht erst probiert. Nein, ich habe mich gedanklich nicht an ihn geklammert und mich, koste was es wolle, für das Richtige entschieden. Ich hatte kein Vertrauen zu Gott, habe ihm nicht zugetraut, mich rechtzeitig nach Hause zu bringen. So konnte ich in der Versuchung nicht widerstehen. Traurig bat ich um Vergebung. Am nächsten Tag machte mich Gott darauf aufmerksam, dass es seiner Erziehungsmethode entspricht, mich noch einmal in ähnliche Umstände kommen zu lassen, damit ich mich üben kann. Also würde ich sicherlich wieder vor einer roten Ampel stehen, den Bus schon fahren sehen und… Als ich über mein hartes Los stöhnen wollte, war es mir, als sollte ich aufhören zu klagen und stattdessen mich schon jetzt entscheiden, wie ich dann handeln möchte. Ach, Gott ist doch ein guter Lehrmeister, ihm lag es wirklich an mir. Ich durfte mich also jetzt in aller Ruhe entscheiden, was ich heute Abend tun werde. Nach dem gestrigen Versagen wollte ich heute auf die Stimme meines Gewissens hören. Der Tag verging, und ich machte mich wieder auf den Weg nach Hause. Ich wollte losrennen, doch mein Gewissen sagte mir, dass es meinem Baby und mir besser tun würde, wenn ich gemütlich laufen würde. Der Eindruck war so klar, dass ich wusste, dass Gott es war, der zu mir sprach. Heute wollte ich unbedingt lernwillig sein und seiner Stimme gehorchen. Also ging ich langsam los, doch unmerklich beschleunigte ich mein Tempo, worauf mich Gott freundlich aufmerksam machte. Ich versuchte wieder, etwas gemütlicher meines Weges zu gehen. Doch es war gar nicht so einfach, entgegen meiner Gewohnheit zu handeln. Bald sah ich die Kreuzung, wo ich gestern so versagt hatte. Die Ampel leuchtete grün, ich hatte aber noch ein Stück Weg vor mir. Am liebsten wäre ich losgerannt, ich hätte es bestimmt geschafft, und diesmal bei Grün! Doch in meinem Gewissen flüsterte eine Stimme, nicht zu rennen, sondern gemütlich zu laufen. So tat ich es, auch wenn es in meinen Gedanken nicht mehr so gemütlich zuging. Doch ich erinnerte mich an die Bibeltexte. Sie motivierten mich, und mit dem Gedanken, dass es nicht zu schwer für mich werden wird, ging ich weiter – bis zur Ampel, deren leuchtendes Rot verkündete, dass man lieber stehenbleiben sollte. Ich tat es, sah den Bus hinter der Kreuzung stehen und wartete ungeduldig auf Grün. Sobald es aufleuchtete, rannte ich los, doch der Bus fuhr vor meiner Nase ab. Verwirrt stand ich nun im Bushäuschen, meine Augen füllten sich mit Tränen. Hatte Gott mich verlassen? Wusste er nicht, was für Unannehmlichkeiten das für mich bedeutete? Warum hatte er meinen Gehorsam nicht belohnt? Doch in meiner Enttäuschung fühlte ich mich bald getröstet. Ich wollte meinen Glauben nicht aufgeben, dass Gott doch noch alles gut führen kann. Die reichlich zwanzig Minuten Wartezeit nutzte ich zu einem stillen Zwiegespräch mit ihm. Das machte mich innerlich so wohltuend ruhig, und ich fühlte mich in Gottes Hand geborgen. Nach der Busfahrt ging ich zum Bahnhof, auch hier würde ich nun lange warten müssen. Doch zu meiner Verwunderung war der Bahnsteig überfüllt mit Menschen, die nicht gerade bester Laune waren. Bald erfuhr ich, dass schon etliche Stunden kein Zug gefahren sei. Als ich noch so überlegte, was ich tun könnte, wurde durch die Lautsprecher verkündet, dass in wenigen Minuten ein Sonderzug einfahren werde, der auch in Pirna halten würde. Wie froh war ich über diese Lösung! Als ich etwas später im Zug saß, fiel mir auf, dass ich überhaupt nicht schneller gewesen wäre, wenn ich bei Rot über die Straße gerannt wäre oder irgendwelche Dauerläufe gemacht hätte. Gott hat wirklich alles gut im Griff, Vertrauen lohnt sich. Müde, aber glücklich kam ich zu Hause an. Doch mit diesem einen Erlebnis war meine Gewohnheit, die Ampeln zu ignorieren, nicht gebrochen. Gott nahm mich noch einige Tage in seine Schule, bis ich ihm diesbezüglich völlig und kindlich vertraute. |
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